
Wie oft war ich nicht schon in Wien – aber irgendetwas habe ich falsch gemacht. Ich habe nur einen einzigen grantelnden Menschen getroffen: den Kellner im (touristischen) Schnitzelparadies Figlmüller. Wahrscheinlich tat er es nur, um dem Klischee zu entsprechen. Vermute ich mal…
Inhalt
Das Buch
Hätte ich das Werk von Andreas Rainer allerdings früher gelesen, wäre ich vielleicht da oder dort mit einem anderen Verständnis auf die Eigenarten der Einwohner zugegangen. Aber ich habe Wien auch so überlebt – was eigentlich gar nicht zu erwarten war, wenn man die Titelzeile des Buches berücksichtigt.
Der Autor hat während sieben Jahren den Stadtbewohnern genau zugehört und Zitate gesammelt. Zum Beispiel dieses:
Älterer Herr am Naschmarkt:
Quelle: Andreas Rainers Buch Wie man die lebenswerteste Stadt der Welt überlebt
«Heast, gehens an Schritt zur Seite»
Junge Frau:
«Würd das ned zumindest ein bisschen freundlicher gehen?»
Älterer Herr:
«Na, i bin ned freundlich.
Des fang i ma gar ned an.»
Und schon sind wir mittendrin im vergnüglichen Beobachten der angeblich so grantigen Wienerinnen und Wiener, die so gar nicht verstehen können, wenn ihre Stadt wieder einmal zur lebenswertesten der Welt erkoren wird. Das ist doch reine Koketterie, nicht? Im Grunde genommen freuen sie sich bestimmt darüber.
Bei Thema Kaffeehaus bin ich dann doch verblüfft, dass es nicht mal der Autor zum Stammgast gebracht hat, obwohl er sich doch dort bestimmt stundenlang «umgehört» hat. Oder ist das jetzt auch Koketterie? 😉 Jedenfalls sollten sich ungeduldige Menschen (speziell solche aus deutschen Landen) merken, dass ein Kellner auf Heranwinken nicht reagiert. Vor allem nicht schneller.
Als der Alltagspoet auf die öffentlichen Verkehrsmittel kommt, fühle ich mich als Schweizerin auch voll angesprochen: Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind (in der Schweiz und in Wien) kaum zu überbieten, aber kommt die S- bzw. die U-Bahn nur drei Minuten zu spät, ist Feuer im Dach. Bei den Eidgenossen und bei den Wiener Fahrgästen. Wobei sich letztere da etwas anders ausdrücken: «…» Nein, ich kann ja nicht dauernd aus dem Buch zitieren. Ich bitte darum, es selber zu lesen.
Einmal habe ich Österreichs Hauptstadt besucht, um mich vertieft mit dem Thema Tod zu beschäftigen, den die Einheimischen, also die richtig Einheimischen, nicht die eben erst Zugereisten, entweder nicht ernst nehmen oder dann schon fast zelebrieren (Wien von seiner morbiden Seite). Die 71er Bim (Tram), die zum Zentralfriedhof führt, wird, ohne mit der Wimper zu zucken, Witwen-Express genannt, doch das lese ich nicht in Andreas Rainers Buch. Er hat dafür ganz andere, teilweise pompöse Schmankerln zu erzählen. Der Tod ist denn auch das letzte der 13 Themen, die aufgegriffen werden und mal zum Schmunzeln, mal zum Staunen anregen. Beispielsweise der Würstelstand und die «Eitrige» oder das Kavaliersdelikt, zu tief ins Glas zu schauen…
Der Autor
Ich kenne Andreas Rainer nicht persönlich und kann deshalb nur wiedergeben, was er über sich selbst verraten hat. Aber, in einem bin ich mir ganz sicher: Er muss jede Menge Humor haben – Wiener Humor.
Quelle Homepage des Autors: «Nach 3 Jahren in Nordamerika, in denen er im Montreal Holocaust Memorial Centre seinen Zivildienst absolvierte und dann mittels eines Fulbright Stipendiums an Bard College und der University of Connecticut unterrichtete, kehrte er in seine Heimatstadt Wien zurück. Er arbeitete die letzten sechs Jahre für die Social-Media-Plattform Yelp aus San Francisco und leitete das Marketing- und Communityprogramm in zehn europäischen Ländern. Anschliessend beschloss er, statt viel Geld lieber weniger zu verdienen und vom Schreiben zu leben. Heute verbringt er seine Zeit neben dem Sammeln von Alltagspoesien als Journalist, Texter, Wienerisch Trainer und Social-Media-Berater.»
Fazit
Ein amüsantes wie lehrreiches Buch, das als unterhaltsamer Reiseführer wie auch als Geschenk dienen kann. Ich habe es innert kürzester Zeit «verschlungen» und empfehle es allen Wien-Fans. Es wirft einen einigermassen erhellenden Blick auf die Wiener Seele, die mal im Weltschmerz versinken will, um gleich darauf im Schanigarten in vergnügter Runde bierselig zu werden. 😉
Infos zum ausserordentlichen Wien-Guide
Titel: Wie man die lebenswerteste Stadt der Welt überlebt
oder Wien-Liebe To Go
Autor: Andreas Rainer, der Wiener Alltagspoet
Verlag: story.one
Anzahl Seiten: 97
ISBN-Nr.: 978-3-903715-34-0
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