Ein Stadtrundgang der anderen Art, und einer, der nicht in einem Tag zu bewältigen ist. Eine Annäherung an des Wieners Seele und seine Einstellung zum Leben.
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Die unheimliche Tour durch das nächtliche Naturhistorische Museum endet auf dem Dach.

Im Heurigenlokal Mayer am Pfarrplatz ist gerade Ganslzeit. Das bedeutet, es ist November, der Monat, in dem die Martinigänse traditionellerweise ihr Leben lassen müssen. Weil sie der Legende nach, den heiligen Martin von Tours verraten haben. Und die Rache dauert wohl so lange an, wie es Brauch ist, Martini-Gänse zu braten und genüsslich zu verspeisen. Doch die Gäste kommen nicht nur der Gänse wegen ins Lokal, sie geniessen auch die spezielle Atmosphäre, die zwischen beschwingter Heiterkeit und todessehnsüchtiger Melancholie pendelt.

Dafür sorgt Sänger und Akkordeonist Kurt. Mal spielt er lüpfige Melodien, mal singt er Lieder von Liebe und Tod, vom Wein und von Wien – wie er das bereits seit 66 Jahren tut. Das tiefe Seufzen quillt aus Texten wie «Wenn der Herrgott net will, nutzt es gar nix…» – ja, das wird schon stimmen… Oder: «Es wird a Wein sein, und mir wer’n nimmer sein, d’rum g’niass ma ’s Leb’n so lang’s uns g’freut…» Zum Repertoire des 81-Jährigen gehört selbstverständlich auch eine der berühmtesten Melodien, die mit Wien und seinem Lokalkolorit in Verbindung gebracht wird: «Der Dritte Mann», die Filmmusik, im Original von Anton Karas auf seiner Zither gespielt.

Museum für Film-Fans

Der eingänglichen Melodie begegnen wir im «Dritte Mann Museum» wieder – und auch dem Originalinstrument. Durch glückliche Umstände ist Gerhard Strassgschwandtner, Sammler, Kurator, Museumsbesitzer und Gästeführer in Personalunion, in den Besitz der Zither gekommen. Die Geschichte erzählt er gerne, denn er ist schon ein wenig stolz darauf, dass er nun das Original ausstellen kann – neben wohl tausenden von Exponaten, in Form von Bildern, Schallplatten und Filmprojektoren sowie – in separaten Räumen – Gegenständen aus Wiens Nachkriegsjahren. Es gibt kaum einen, der sich besser mit dem Stoff «The Third Man» auskennt, wie Strassgschwandtner.

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Das Dritte-Mann-Museum ist für Fans ein Muss.

Regisseur Carol Reed drehte den Spielfilm 1948 im zerbombten Wien, was die Wiener eigentlich gar nicht gerne sahen. Zu negativ empfanden sie das entstandene Bild. Der Filmklassiker handelt vom Amerikaner Harry Lime (von Orson Welles gespielt), der aus einem Krankenhaus Penicillin stehlen lässt, es verdünnt, zu Wucherpreisen verkauft und damit den Tod vieler kranker Menschen verursacht. Während einer spektakulären Jagd durch Wiens Kanalisation wird Harry von seinem einst besten Freund Holly Martins (Joseph Cotten) erschossen. Und genau durch diese Kanalisation führt eine Tour für interessierte Touristen.

Ab in den Untergrund

Mit einem Helm ausgerüstet, steigen wir im Girardipark die Stufen hinunter. Die Luft wird immer miefiger, dass da unten echte Abwässer durchfliessen, lässt sich nicht leugnen. Auch die schummrige Beleuchtung trägt zur Spannung bei. Doch die Neugierde und die Faszination überwiegen. Einige Filmsequenzen werden an die Kanalwand projiziert, aus unsichtbaren Lautsprechern klingt die altbekannte Melodie, wir bekommen Schauplätze gezeigt und alles wirkt auch ohne Klaustrophobie ziemlich beklemmend. Durch einen Seitengang erreichen wir eine «Kanal-Hauptschlagader». Sie ist riesig, man könnte eine mehrspurige Strasse hindurchführen – und man will sich gar nicht vorstellen, dass das Wasser ansteigen könnte.

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Ab in den Untergrund – auf den Spuren des Films in Wiens Untergrund.

Kaum sind wir diesem Kanalabenteuer entronnen, steigen wir die nächsten Stufen hinunter. Wir besuchen nacheinander die Kaisergruft, das Herzgrüfterl und die Herzogsgruft. Sie alle haben direkt miteinander zu tun, was an einem makabren habsburgischen Ritual liegt: Die sterblichen Überreste der Habsburger wurden an drei verschiedenen Orten bestattet. Die Herzen kamen in silberne Urnen gelegt ins Herzgrüfterl in der Augustinerkirche, die Eingeweide in Kupferurnen in die Herzogsgruft in den Katakomben im Stephansdom und der Rest landete in der Kaisergruft in der Kapuzinerkirche. Dort ruhen nun knapp 150 verstorbene Habsburger – beziehungsweise der Rest vom Rest – in teilweise prachtvollen Metallsarkophagen.

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Viel besucht: Sissis Sarkophag in der Kaisergruft.

So auch Kaiser Franz Joseph, der von Kaiserin Sisi und Kronprinz Rudolf flankiert wird. Vor Sissis Sarkophag sind immer Blumen zu finden, und eine blanke Ecke weist darauf hin, dass hier der Sargdeckel oft berührt wird. Das soll Frauen mit Kinderwunsch Glück bringen.

Wissbegierde ohne Grenzen

Wir haben von Leichen und Ritualen noch nicht genug und besuchen das Bestattungsmuseum, wo Kurator Dr. Wittigo Keller die Besucher in die makabersten Gepflogenheiten einweiht. Um zu verhindern, dass jemand lebendig begraben wurde, bediente man sich einer Glocke. Sie war den Aufgebahrten mittels Drahtzug am Handgelenk befestigt und wenn sie sich bewegen sollten, würde die Glocke läuten. Kurator Keller erklärt, dass die Glocke wohl unablässig geklingelt haben muss, denn Verwesungsgase sorgen dafür, dass sich Leichen bewegen. Und weil die Glocke so häufig Fehlalarm geläutet hatte, sei bestimmt kein Wächter mehr nachschauen gegangen…

Auf Nummer sicher ging, wer zu Lebzeiten festlegte, dass der sogenannte Herzstich zur Anwendung komme. Der Stoss mit dem doppelschneidigen Messer mitten ins Herz des Verstorbenen war die todsichere Methode, nicht lebendig begraben zu werden. Wie viele Menschen erst durch den Herzstich zu Tode kamen, ist unbekannt. Beerdigt werden die Wiener (nicht nur, aber auch) auf dem Zentralfriedhof, dem zweitgrössten Europas. Wer etwas auf sich hält, lässt seinen Abgang pompös gestalten – und dann spricht der Wiener respektvoll von einer «scheenen Leich». Doch das ist nichts für arme Schlucker.

Familienausflug zum Friedhof

Zur Zeit der Eröffnung 1874 war die «Stadt der Toten» bei den Wienern gar nicht beliebt. Weil der Friedhof so weit ausserhalb der Stadt lag, war die Anreise lang und beschwerlich. Ausserdem wirkte er wegen seiner Nüchternheit wenig einladend. Das änderte sich mit der Einrichtung der Ehrengräberanlage, wo unter anderen auch Ludwig van Beethoven, Franz Schubert (er wollte neben Beethoven zu liegen kommen) und Johannes Brahms zu finden sind. Mittlerweile ist der Zentralfriedhof den Wienern liebstes Spazierrevier und Familienausflugsziel.

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Ausflugsziel Zentralfriedhof: Sänger Falcos Grab ist eine Pilgerstätte.

Wir tun es ihnen gleich und bummeln durch die Anlage. Gerhard Strassgschwandtner weiss auch hier allerlei Makabres zu erzählen. Wussten Sie, dass Leichen nicht von Würmern gefressen werden? Es sind Bakterien, die sich zu schaffen machen, denn Würmer sind nur bis 40 Zentimeter unter der Erde zu finden. Logisch, aber so direkt sagt das nur ein Wiener. Die Tramlinie 71, die zum Zentralfriedhof führt, nennt der Einheimische übrigens ohne mit der Wimper zu zucken «Wittwenexpress». Er kommt auch in Anekdoten und Liedern vor und umgangssprachlich ist schon mal zu hören: «Er hat den 71er genommen» – er ist gestorben. Dies entspricht der Wiener Eigenart, den Tod auszulachen, ihn zu verhöhnen und ihm gleichwohl zu huldigen.

Friedhof für Romantiker

Während der Zentralfriedhof mit seinen bombastischen Gräbern viele Besucher anzieht, bezaubert der Biedermeier-Friedhof St. Marx durch seine romantische, ruhige Atmosphäre. Sogar im November kommt es vor, dass er in warmes Licht getaucht ist. Die efeuumwachsenen Grabmäler mit Kränzen, Kreuzen und Engeln wirken gerade so, als würden hier kleine Elfen herumspielen. Die Grabinschriften regen da und dort zum Schmunzeln an: «Hausbesitzerin No. 61», «Rauchfangkehrermeisters Gattin» und – man staune! – «Erfinder der Nähmaschine». Der Friedhof wird längst nicht mehr benutzt und dient vor allem Mozart-Pilgern als Ziel. Der Komponist wurde hier in einem Mehrfachgrab bestattet, allerdings nicht exakt an jener Stelle, wo heute das «Gedenkgrab» liegt. Ein schöner Ort – auch im November…

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Wolfgang Amadeus Mozart liegt im St. Marxer Friedhof begraben.

Infos zum „morbiden“ Wien

ANREISE
Mit Swiss oder Austrian Airlines von Zürich nach Wien oder mit der Bahn in knappen acht Stunden (ohne Umsteigen).

UNTERKUNFT
Hotel Topazz
Lichtensteg 3
Tel. +43 532 22 50
reception@hoteltopazz.com
www.hoteltopazz.com
Das Haus mit seiner aussergewöhnlichen Architektur und der geschmackvollen, ausgefallenen Inneneinrichtung liegt ganz zentral, zwei Gehminuten vom Stephansdom entfernt.

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Im Hotel Topazz nächtigt man in ausgefallenem Rahmen und an idealer Lage nahe des Stephansdoms.

RESTAURANTS

Plachuttas Gasthaus zur Oper
Walfischgasse 5–7
Tel. +43 1 512 22 51
oper@plachutta.at
www.plachutta.at
Unbedingt Wiener Schnitzel bestellen, sie sind der Hit!

Heurigen Mayer am Pfarrplatz
Pfarrplatz 2
Tel. +43 1 370 12 87
mayer@pfarrplatz.at
www.pfarrplatz.at
Weingut und Heuriger, sehr wienerisch, während der Ganslzeit drängt es sich auf, Gans zu bestellen.

Restaurant Hansen
Wipplingerstr. 34
Tel. +43 1 532 05 42
restaurant@hansen.co.at
www.hansen.co.at
Das Feinschmecker-Restaurant im Blumenladen – originell und gut.

Zum finsteren Stern
Schulhof 8
Tel. +34 1 535 21 00
www.zumfinsterenstern.at
Fantasievolle Küche!

ADRESSEN

Dritte Mann Museum
Pressgasse 25
Tel. +43 1 586 48 72
contact@3mpc.net
www.3mpc.net

Dritte Mann Tour
Kanal, Walk, Museum, Film
www.drittemanntour.at

Bestattungsmuseum
+43 1 760 702 75 00
info@bestattungsmuseum.at
www.bestattungsmuseum.at

Porta Dextra
Haas&Haas
Ertlgasse 4
porta.dextra@hass-haas.at
www.haas-haas.at
Shop, Vinothek und Ausstellungen in den gut erhaltenen und restaurierten Kellergewölben.

Herzgruft
in der Augustinerkirche, Eingang vom Josefsplatz aus
Tel. +43 1 533 70 99
Führungen jeweils sonntags nach dem Hochamt, ca. 12.15 Uhr, und nach Voranmeldung.

Kaisergruft (Kapuzinergruft)
Neuer Markt/Tegetthoffstrasse
Tel. +43 1 512 68 53 16
www.kaisergruft.at
täglich 10–18 Uhr (ausser 1. und 2. November)

Michaelerkirche
Michaelerplatz 5
www.michaelerkirche.at

St. Stephan
Stephansplatz
Tel. +43 1 515 52 3045
www.stephanskirche.at

Zentralfriedhof
Simmeringer Hauptstrasse 234
Tel. +43 1 760 41
www.zentralfriedhof.info

Friedhof St. Marx
Leberstr. 6–8
www.wien.gv.at/umwelt/parks/anlagen/friedhof-st-marx.html

Friedhof der Namenlosen
Alberner Hafen
www.friedhof-der-namenlosen.at

Josephinum, eine Reise in die Geschichte der Medizin
Währinger Strasse 25
Tel. +43 1 401 602 6001
sammlungen@meduniwien.ac.at
www.josephinum.ac.at
spektakulär ist die berühmte Sammlung anatomischer und geburtshilflicher Wachsmodelle. Sie geht auf eine Initiative von Kaiser Joseph II. zurück.

Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum / Narrenturm
Spitalgasse 2, Universitätscampus,
Tel. +43 1 521 77 606
www.nhm-wien.ac.at/narrenturm

ALLG. INFOS

Wien Tourismus
Tel. +43 1 24 555
info@wien.info
www.wien.info

Österreich Werbung Zürich
Tel. 00800 4002 0000
www.austria.info

© Text und Fotos: Inge Jucker | TravelExperience.ch

Offenlegung: Diese Reportage wurde von Österreich Werbung und Wien Tourismus unterstützt. Dieser Beitrag ist im Dezember 2013 in leicht kürzerer Form im Magazin «artundreise» veröffentlicht worden.

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