
Meiner Verwandtschaft habe ich es zu verdanken, dass ich schon in der Kindheit Bekanntschaft mit BollenhĂĽten machen durfte. Ihre Faszination hat mich nie ganz losgelassen, wenngleich mir die Details zu den HĂĽten nicht bekannt waren. Also los! FĂĽhlen wir dem Wahrzeichen des Schwarzwaldes auf den Bommel!
Inhalt
2 Kilogramm Wahrzeichen mit 14 Bollen
Der Hut kommt nur in den Trachten der Kinzigtaler Gemeinden Gutach, Kirnbach und Reichenbach vor und sollte eigentlich auch nur dort getragen werden. Aber es gibt halt Ausnahmen, wie es mit beliebten Markenzeichen nun mal so vorkommen kann.
Die einzige Bollenhutmacherin in Gutach, Gabriele Aberle, stellt mehrheitlich nur Hüte für Frauen aus den oben erwähnten drei Orten her: «Aber wenn der Bollenhut nicht getragen wird und jemand eine persönliche Beziehung zur Tradition hat, dann mache ich schon mal eine Ausnahme.» In diesem Fall wird der Hut nicht angepasst, und kann nur als Deko dienen. Ohne präzise Anpassung an die Kopfform der Trägerin, lässt sich ein Bollenhut kaum aushalten. Er ist nämlich locker zwei Kilogramm schwer und muss deshalb perfekt sitzen!

Die Basis, ein Strohhut, wird mit Leim und Gips gefestigt und in Form gebracht. Der schwarze Rand wird mit Farbe aufgebracht: «Das überlasse ich dann gerne meinem Mann», erzählt Gabriele Aberle, «er hat die ruhigere Hand.» Erst ganz zum Schluss werden die 14 Pompons aus Schafwolle kreuzförmig am Hut befestigt. Von den 14 Bollen sind 3 oval, die anderen rund – und drei sind am Schluss gar unsichtbar.

Eine ledige Frau trägt rote, eine Verheiratete schwarze Bollen. Das alles, und wie die Bommeln hergestellt werden, haben wir im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in Gutach erfahren und bewundert. Dort sind nämlich nicht nur alte Bauernhäuser wieder aufgebaut worden, man trifft auch regelmässig auf Gabriele Aberle, die dort ihr Traditionshandwerk gerne zeigt und erläutert. Man sollte sich aber vor dem Besuch erkundigen, wann sie wieder vor Ort ist.

Ein gar nicht verstaubtes Freilichtmuseum
Das Freilichtmuseum ist für Kinder ein spannender und grosser Spielplatz mit vielen Bauernhoftieren, die für tolle Erlebnisse sorgen. Und interessierte Erwachsene erfahren eine Wissenserweiterung mit Unterhaltungswert. Sollte das Wetter nicht ganz mitmachen, findet man Schutz in den vielen historischen Bauernhäusern, in denen an Sonn- und Feiertagen jeweils einige Handwerker bei der Arbeit sind. Es wird wie früher gemahlen, gesägt und geflochten, die Schnapsbrennerei erklärt und man kann der Bürstenbinderin zuschauen. Es werden auch regelmässig Workshops angeboten. Am besten, man schaut auf der Homepage nach.




Der Vogtsbauernhof ist übrigens das einzige Gebäudeensemble, das noch an seinem Originalort steht und dem Freilichtmuseum seinen Namen verliehen hat. Insgesamt sind hier sechs bzw. sieben sogenannte Schwarzwälder Eindachhöfe, ein Tagelöhnerhaus und ein Leibgedinghaus «versammelt». Dazu gehören natürlich auch Speicher, Mühlen, Sägen und sogar eine Kapelle. Zu den Herkunftsregionen werden viele Informationen geboten, beispielsweise über die Waldwirtschaft, Volksfrömmigkeit, Trachten, Uhrenhandwerk, Weberei und einiges mehr.
Und seit Juli 2023 ist das jüngste Museumsstück geöffnet: das Ortenauhaus, ein historisches Rebhaus aus Durbach. Es lohnt sich also immer mal wieder, vorbeizuschauen.

Jetzt aber zurück zum Bollenhut: In der Jockelesmühle in Kirnbach, am «Bollenhut-Talwegle» (den wir aus Wettergründen aus unserem Programm gestrichen haben, aber: siehe Infos weiter unten), treffen wir die knapp noch unverheiratete Michelle Jakob in ihrer Tracht mit Bollenhut in Rot.

Als Mitglied des Trachtenvereins kennt sie sich gut aus und verrät uns das Geheimnis der «Mäschle», die wir schon im Trachtenmuseum in Haslach bewundert haben: Hinten am Hut (bzw. in den Haaren befestigt) hängt eine Verzierung in der sich ein Spiegel verbirgt, der als Schutz dient. Falls Böses von hinten kommt, erschrickt es, wenn es sich im Spiegel sieht und macht sich aus dem Staub. Nach der Heirat werden diese Spiegelchen nicht mehr getragen, denn nun hat man ja den Schutz des Ehegatten. Wir können uns ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen…
Das gehört zur Gutacher Tracht
Hätte sich Michelle Jakob entschieden, in Tracht zu heiraten, trüge sie statt des Bollenhutes einen «Schäppel», eine Brautkrone, sowie eine aufgefächerte Halskrause und einen «Schäppelgürtel», der aus sieben, aus Silberdraht geflochtenen Ketten besteht.


Unter «gewöhnlichen» Umständen gehört – von oben nach unten – Folgendes zur Tracht: Unter den Bollenhut gehört eine «Haube», die für jede Trägerin speziell angefertigt und bereits vor der Konfirmation getragen wird. Dann allerdings ohne Bollenhut. Weiters gehört ein «Goller», ein Halsmantel, zur Tracht. Er wird mit ornamentaler Stickerei verziert und personalisiert.
Das «Libili» ist ein Mieder aus geblümtem Samt, das bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Schnürmieder war. Heute wird es weit bequemer seitlich mit Häkchen geschlossen. «Schobe» nennt man die offen getragene, rot gefütterte schwarze Jacke.

Der «Wiefelrock» ist ein wenig rätselhaft, denn bis heute hat man angeblich nicht herausgefunden, wie der verwendete Stoff genau hergestellt wird. Er besteht aus Hanf und Wolle, wird geleimt und geschwärzt und ist nicht waschbar. Offenbar gibt es aber noch einen Restbestand, mit dem sehr haushälterisch umgegangen wird.
An die Füsse kommen schliesslich die «Hasenhärene», Strümpfe aus Angorawolle, und «Watschen», weit ausgeschnittene, flache Schuhe.
Also Trachten sind eine Wissenschaft für sich. Definitiv. Das ist uns bereits im Schwarzwälder Trachtenmuseum in Haslach aufgefallen. Alle Ausstellungsstücke sind gut beschrieben, und irgendwie hat uns das Thema dann doch «reingezogen». Wir sind jedenfalls länger im Museum geblieben als erwartet. Das Kapuzinerkloster, in dem das Museum eingerichtet ist, haben wir natürlich auch noch näher angeschaut – zumal das Wetter immer noch zu wünschen übrig liess…


Schwarzwaldmaler und ihre Malerkolonie
Auf den Spuren des Bollenhutes besuchen wir auch das Kunstmuseum Hasemann-Liebich in Gutach. Dort und in der Umgebung haben sich während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Schriftsteller und vor allem Maler angesiedelt. Ihre Werke widmeten sich der Landschaft, den Bauernhäusern und den Menschen in ihren Trachten – samt Bollenhut natürlich. Wilhelm Hasemann und Curt Liebich kamen nach Gutach und blieben. Sie waren es, die den Ort zur Malerkolonie machten, denn ihre Beziehungen zu namhaften Bildungsstätten in Berlin, Weimar, München und mehr sorgten dafür, dass Künstler aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich kürzer oder länger in Gutach wirkten.


Wir spazieren durch die kleine Ausstellung und bewundern die Gemälde, aber auch die Begeisterung, welche die Künstler im Schwarzwald offensichtlich beflügelte. Ab 1896 wurden Künstlerpostkarten herausgegeben, die sich grosser Beliebtheit erfreuten – und somit auch die Bekanntheit des Bollenhutes förderten. Hasemann und Liebich zählten zu den bedeutendsten Schwarzwaldmalern ihrer Zeit. Beide haben viele Zeugnisse des Schwarzwälder Brauchtums und der damaligen Lebensart hinterlassen. Wer sich für Kunst interessiert, dem wird das kleine Museum gut gefallen. Ohne den Tipp des Tourismusbüros hätten wir es wohl verpasst.
Infos zum Kinzigtal
Anreise
Wir sind mit dem Auto angereist, weil das fĂĽr uns einfacher ist. Mit Bahn und Bus kommt man aber auch ins Kinzigtal.
HOTEL
Kirnbacher Hof
Untere Bahnhofstrasse 6
D-77709 Wolfach-Kirnbach
www.kirnbacher-hof.de
Das gemütliche, aber dennoch moderne Hotel liegt ideal für Ausflüge im Kinzigtal. Das Zimmer mit spezieller Schwarzwälder-Uhr und der Waldtapete samt kleinen «Scherzen» (z. B. ein Eichhörnchen) gefällt uns echt gut. Das Frühstück lässt keine Wünsche offen und auch das Abendessen haben wir auch sehr genossen.






RESTAURANTS
Kirnbacher Hof
Siehe Infos unter Hotel.
Webers Esszeit
Wählerbrücke 4
D-77793 Gutach (beim Vogtsbauernhof)
www.uhrwerk-gutach.de/webers-esszeit/
Hier werden mehrheitlich einheimische Spezialitäten gereicht – hat hervorragend geschmeckt!


Käppelehof
Osterbach 7
D-77756 Hausach
www.kaeppelehof-hausach.de
In der urigen Gaststube werden grosse Portionen von Schwarzwälder Gerichten aufgetischt! Inge war völlig überfordert mit der Portion, aber geschmeckt hat’s alleweil!

SEHENSWĂśRDIGKEITEN
Kirnbacher Bollenhut Talwegle
Der Weg führt vom Hotel Kirnbacher Hof zum Hotel Sonne in Wolfach (oder umgekehrt) und bietet auf acht Infotafeln Erklärungen zur Bollenhut-Tracht und dem Kirnbachtal. Der Weg ist einfach zu gehen und samt Kinderwagen zu bewältigen.
www.bollenhut.de

Freilichtmuseum Vogtsbauernhof
D-77793 Gutach
www.vogtsbauernhof.de
Ein vergnĂĽglicher und spannender Tag ist garantiert!



Schwarzwälder Trachtenmuseum
Klosterstr. 1
D-77716 Haslach
www.schwarzwald-tourismus.info
FĂĽr Trachten-Fans ein Muss!
Kunstmuseum Hasemann-Liebich
Kirchstr. 4
D-7793 Gutach
kunstmuseum-hasemann-liebich.de
Lohnenswert fĂĽr Kunstfreunde und Geschichtsinteressierte.
BUCHTIPPS
«Total alles über den Schwarzwald» von Jens Schäfer, im Folio-Verlag erschienen, erzählt in vielen Infografiken, Bildern und Texten wie der Titel schon sagt: Alles über den Schwarzwald.

Schwarzwald – 1000 Places To See Before You Die von Rolf Goetz und Rebecca Schirge, erschienen im Vista-Point-Verlag.
Das Buch ĂĽber den Schwarzwald haben wir bei unseren Buchtipps eingehend beschrieben. Es ist eine gute Hilfe bei der Reiseplanung!
DESTINATIONSINFOS
www.schwarzwald-kinzigtal.info
www.schwarzwald-tourismus.info
Zu den Homepages zum Thema Bollenhut >>> bitte hier lang
und zu Gabriele Aberle >>> geht’s hier
© Text: Inge Jucker; Fotos: Heinz Jucker | TravelExperience.ch 2023
Offenlegung: Im Rahmen einer Reportage fĂĽr die GlĂĽcksPost waren wir zu dieser Recherche eingeladen. Die Anreise erfolgte auf unsere Kosten.
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