
Über alte runde Pflastersteine betreten wir das alpine Hotel Chasa Chalavaina. Wer hier wohl schon alles eine kurze Fussreflexzonenmassage genossen hat? Hinter der grossen Holzbogentüre führen ein paar Stufen hinauf in eine Kombination aus Vorplatz und Treppenhaus. Die Luft ist frisch und angenehm, die gelben Blüten eines Sommerblumenstrausses nicken zur Begrüssung.


Inhalt
Alpine Schlichtheit im ganzen Haus
Links geht’s zur Rezeption, wo wir unseren schwergewichtigen Zimmerschlüssel bekommen und die Erlaubnis, uns im ganzen Haus umsehen zu dürfen. Es sei denn, eine Türe sei verschlossen. Zunächst interessiert uns natürlich das eigene Zimmer namens La Sulagliva – in Deutsch etwa das Sonnige.

Es zehrt allerdings gerade von vergangenem Sonnenschein, denn draussen regnet es Bindfäden. Ich mag den einfachen, alpinen Zimmerstil, der alles bietet, was man braucht, aber die Schnörkel höchstens in den geschmiedeten Türscharnieren oder den mit Spitze verzierten Vorhängen zeigt. Einiges in diesem Zimmer ist herrlich alt, die wichtigsten Dinge wie Badezimmer und Bett hingegen neu. Wovon wir hier wohl träumen werden?


In diesem alten Gemäuer wohnen neben ganz viel Geschichte und Geschichten, noch mehr Charme. Er läuft uns überall über den Weg, wir müssen nur hinschauen und zuhören. Wir stöbern durchs Haus und entdecken all die Zimmer, Kammern und einen versteckten Balkon, staunen über alte Möbel und Sgraffiti, schnuppern dem Holzduft nach und die eine Kritzelei an der Wand wirft Fragen auf. Der Antwort kommen wir schon noch auf die Schliche…




So wie die Bodenbretter vor über 500 Jahren knarrten, so erzählen die schiefen Böden auch heute noch seufzend von all den schweren (Nagel)Schuhen, die über die Holzplanken geschlurft sind. Unser Zimmerschlüssel ist bestimmt genau gleich gross wie jene, die zur Zeit, als das Calven-Haus erstmals als Gasthaus diente, die mächtigen Schlösser bewegten.


Alle Zimmer sind unterschiedlich in Grösse und Einrichtung, und sie tragen Namen statt Nummern, was mir ab und zu Kopfzerbrechen bereitet, denn der rätoromanische Name unseres Zimmers – La Sulagliva – will nicht so recht hängen bleiben. Andere heissen La stüvetta (das Stübchen), Falla da l’uors (Bärenfalle) oder La Strietta (die Hexe).
In den oberen Stockwerken bekommt man rasch den Eindruck, dass man sich verlaufen könnte. Denn hier wird sichtbar, dass das Haus nicht in einem Guss gebaut wurde, sondern wie Jahrringe an Bäumen zu diversen Anbauten gekommen ist. Und dennoch passt alles zusammen.
Müstairer Spezialitäten im Restaurant
Nach unserem Rundgang reicht die Zeit für einen Aperitif bevor das Abendessen aufgetischt wird. Es hat sich bereits herumgesprochen, dass man im Restaurant der Chasa Chalavaina vorzüglich isst – die Gaststube ist entsprechend gut besetzt. Die hübschen Servietten stammen übrigens aus der Handweberei Tessanda im nahen Sta. Maria, die natürlich auch einen Besuch wert ist. (Siehe Link weiter unten: Val Müstair – traditionell und originell)


Etwas ungemütlich finde ich die Filzscheiben als «Kissen», zumal wir während unserer Reportage über die Val Müstair – traditionell und originell erfahren haben, dass es vor der letzten Renovation, vom Dorfsattler massgeschneiderte Kissen gab. Nun gut, vielleicht waren sie nicht mehr zu retten, keine Ahnung, aber bequem sind diese Filze jedenfalls nicht.
Dafür schmeckt das Essen umso besser! Pasta mit Bündnerfleisch, Kalbsfilet auf Gemüse und Rösti, aber auch Gnocchi mit Rehragout oder Capuns… Egal, was der Südtiroler Chef Oliver Thialer auftischt, das schmeckt ganz einfach. Der Abend ist genussvoll kurzweilig. Wir haben in der «normalen» Gaststube getafelt, denn in der «schwarzen Küche» sind die acht Plätze bereits reserviert.


Ganz früher wurde in dieser Küche nicht nur in grossen Mengen am offenen Feuer gekocht und gebacken, sondern auch geschlafen. Sie war der wärmste Ort des Hauses. Weil es keinen Kamin, sondern nur ein Loch in der Decke als Abzug gab, hinterliess der Russ seine Spuren im Gewölbe. Der grosse Ofen, dessen Ausmass erst von aussen (weil angebaut) erkennbar ist, kann übrigens immer noch genutzt werden und gilt deshalb als der älteste funktionstüchtige Holzofen in ganz Europa!


Und damit wollen wir ein wenig in die Vergangenheit eintauchen. Wenn Du Spass an etwas Geschichte hast, dann drücke auf das Pluszeichen rechts vom nächsten Titel.
Mehrwissen zur Geschichte der Chasa Chalavaina
Als Quelle dieser geschichtlichen Angaben diente mir ein (vergriffenes) Buch, das ich in der Chasa Chalavaina gefunden und gelesen habe. Der Autor heisst Christian Schmidt.
Wann das Haus genau erbaut wurde, ist nicht bekannt. Aber man geht aufgrund architektonischer Details davon aus, dass es schon vor 1300 existiert haben muss. Und es war wohl damals schon ein Gasthaus (und somit vermutlich die älteste Herberge der Schweiz), denn es verfügte über einen grossen Stall. Hier konnten die Kutscher und Säumer ihre Pferde und Maultiere unterbringen, die Waren und Menschen über die Pässe transportierten.
Wo Waren transportiert werden, ist ein Markt nicht weit: In zwei länglichen Räumen, die zum Dorfplatz hin ausgerichtet sind und zur Chasa Chalavaina gehören, war der Tuchmarkt untergebracht. Hier wurden Bündner Loden, ein währschafter Stoff, der von den ansässigen Frauen gewoben wurde, gegen Salz und Kolonialwaren eingetauscht. Die lukrative Nord-Süd-Achse führte also durch die Val Müstair.
Der Anfang des Schwabenkrieges
1499 war ein kämpferisches Jahr. Der Legende nach stand Benedikt Fontana, der Bündner Heerführer, am 21. Mai auf der Laube der Chasa Chalavaina und sprach zu den vor ihm auf dem Dorfplatz versammelten 6300 jungen Bündnern. Es ging um die Instruktionen für den bevorstehenden Kampf gegen die österreichisch-habsburgischen Truppen. Diese sollten im Auftrag des deutschen Kaisers Maximilian I. das Tal erobern. Er hatte nämlich – nach gescheiterten Verhandlungen – den Bündnern und Eidgenossen den Krieg erklärt. Das war der Anfang des sogenannten «Schwabenkrieges».
Am 22. Mai 1499 trafen dann die Bündner bei der Talenge namens Calven, welche die Val Müstair und das Vinschgau voneinander trennt, auf die gegnerischen 12 000 Habsburger. Auf dem Gebiet der Gemeinden Taufers und Mals wurde hart und mit List gekämpft. Die Schlacht forderte viele Opfer, unter ihnen auch der Bündner Nationalheld Benedikt Fontana. Aber die Bünder siegten dennoch. Daraufhin plünderten und brandschatzten sie das obere Etschtal bis nach Schlanders hinunter, ermordeten alle männlichen Talbewohner, die mehr als zwölf Jahre alt waren und provozierten so die Rache der Tiroler: Diese folterten 38 Engadiner Geiseln zu Tode.
Trotz des Bündner Siegs, verblieb das Vinschgau in Habsburger Besitz, und Maximilian rächte sich: Seine Soldaten gingen wie die Bündner im Etschtal vor und hinterliessen verbrannte Ruinen. Doch das Calven-Haus überstand diesen Rachefeldzug unbeschadet und kam wegen der Schlacht an der Calven, der Battaglia da Chalavaina, zu seinem Namen.
Die sichtbare Vergangenheit
Während die Bündner Soldaten in Müstair und im Haus Chalavaina lebten (siehe Mehrwissen), hinterliessen sie Spuren. Die Deckenbalken in der Nähe der Eingangstüre sind von vielen Einstichen gezeichnet: Die Mats, wie die Bündner Soldaten damals genannt wurden, stiessen ihre Hellebarden in die Decke und bewahrten sie so auf.
Rechts neben der Stubentüre sind mit Rinderblut geschriebene Worte erhalten, die 1696 ein italienischer Gefangener hinterlassen hat. Weshalb er seine Haftstrafe verbüsste, ist nicht bekannt, aber bis heute kann man seinem Schmerz nachfühlen: «Die Vergangenheit tut mir leid – und die Zukunft macht mir Angst.» Dass der alte Verputz sich so fein anfühlt, liegt übrigens daran, dass frühere Handwerker den Mörtel mit Eiweiss mischten.


Unser Lieblingsplatz in der Arvenstube ist neben dem Kachelofen. Offensichtlich war er auch bei den Mats beliebt. Jedenfalls haben sie sich mit allerlei Ritzereien im Holztäfer verewigt. Die Gaststube gibt auch – lückenhaft – Auskunft darüber, wer das Haus besessen hat:
- Um 1500: Das Wappen der Patrizierfamilie Hermanin über der Eingangstüre weist auf die Wirte zur Zeit Fonanas hin.
- 1879, als Tonet Pernsteiner stirbt, geht diese Familienära zu Ende.
- Danach haben zwei Bauernfamilien das Haus übernommen, aber nicht als Gaststätte geführt. Es diente der Landwirtschaft.
- 1958 kaufen Carl und Ida Fasser das Haus und wandeln es wieder in ein Gasthaus um. Die Familie ist seit dem 14. Jahrhundert im Tal ansässig. 1965 renovierten sie das Haus. 1975 stirbt Carl Fasser, 1991 seine Frau Ida. Sohn Jon und Tochter Ottavia leiten das Gasthaus weiter.
- 2021 kommt die neu gegründete Stiftung Chasa Chalavaina ins Spiel. Jon hat über 80-jährig und nach über 50 Jahren im Betrieb eine Nachfolge gesucht. Weil die Verantwortlichen des benachbarten UNESCO-Weltkulturerbes Kloster St. Johann daran interessiert waren, das Gebäude-Ensemble am Plaz Grond zu erhalten, setzten sie sich für die neue Stiftung ein, die das Haus einer sanften Renovation unterzog. Nur was wirklich nötig war, wurde ersetzt, alles andere erhalten und aufgefrischt.
- 1.6.2022: Erste Gäste treffen in der wiedereröffneten Chasa Chalavaina ein. Gastgeber ist Uli Veith, der auch Geschäftsführer der Stiftung Pro Kloster St. Johann und sehr motiviert ist, die Juwelen von Müstair zu erhalten.
Zurück zur sichtbaren Vergangenheit: Das Zimmer «La stüva dal preir» (ich würde das frei als Stube zum Beten übersetzen) verfügt über einen Balkon mit einem Wandbild aus dem Jahr 1467. Es weist darauf hin, dass auch in der Val Müstair die Pest wütete und ganze Dörfer beinahe ausrottete.

Rechts neben dem Bild mit der Mutter Gottes befindet sich ein Sgraffito, das an eine Mauerzinne erinnert. Es soll sich um das älteste im Kanton Graubünden handeln.

Um mit unseren Eindrücken von diesem facettenreichen Haus mit seinen 18 Gästezimmern zu einem Abschluss zu kommen: Eigentlich müsste es auch zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen, wie das benachbarte Kloster St. Johann. Es ist ganz einfach «verrückt», was einem hier an Geschichte «über den Weg läuft». Das macht mich geradezu ehrfürchtig… Jedenfalls habe ich alle Achtung vor all den Menschen, die dafür gesorgt haben, dass in dieser alten Herberge auch heute noch bzw. wieder Gäste empfangen werden können.
Infos zur Chasa Chalavaina
Chasa Chalavaina
Plaz Grond 24
CH-7537 Müstair
www.hotelchalavaina.ch
Offenlegung: Wir waren im Rahmen einer Reportage für die GlücksPost eingeladen, in der Chasa Chalavaina zu nächtigen. Herzlichen Dank – es war uns eine Ehre!

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