Die erste Station in Namibia heisst für die meisten Ankömmlinge Windhoek. Ein Überblick über die Hauptstadt und grösste Stadt des Landes, seine Sehenswürdigkeiten und was man bei Ankunft schon am Flughafen unbedingt erledigen sollte.
Namibia, Windhoek, Jacarandablüte
Im Oktober haben wir genau die Zeit der Jacarandablüte in Windhoek erwischt. Sie ist überall eine Augenweide.

Wer aus Europa anreist, wird in Windhoek landen, der Hauptstadt Namibias. Sie ist dank des internationalen Flughafens der Verkehrsknotenpunkt des Landes, aber auch das wirtschaftliche Zentrum. Und: Nirgends in Namibia hat es so viele Autos wie in Windhoek, doch das merken wir erst später, als wir den Rest des Landes erobern.

Reserverad, bleib wo du bist!

Nachdem wir am Flughafen Namibia Dollar aus dem Automaten bezogen und eines unserer iPhones mit namibischer SIM-Karte ausgestattet haben (siehe auch allgemeine Reisetipps), werden wir zur Mietwagenfirma ganz in der Nähe des Flughafens gefahren. Für das ganze Prozedere und das Checken der Karosserieschäden braucht es etwas Geduld und Aufmerksamkeit. Ausserdem lassen wir uns einen Radwechsel genauestens erklären, denn angeblich sind Reifenpannen fast an der Tagesordnung… Das Reserverad hängt an einer Kette am Unterboden des Wagens, die vom Kofferraum aus gelöst wird. Runterlassen geht easy, aber umgekehrt? Das dürfte eher anstrengend sein… Überhaupt: diese Räder sind unglaublich schwer! Da fange ich doch lieber an zu beten, dass wir während der kommenden drei Wochen nie eine Reifenpanne haben werden!

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Unser Toyota Fortuner vor den Toren von Windhoek. Die vielen Rastplätze an den asphaltierten Strassen sind sehr praktisch.

Wir fahren los Richtung Windhoek. Linksverkehr. Da muss man sich erst wieder daran gewöhnen. Bis zum Schluss der Reise haben wir ein Durcheinander mit Scheibenwischer und Blinker, weil die umgekehrt angeordnet sind. Wieso eigentlich?! Gas- und Kupplungspedal sind schliesslich auch am gleichen Ort, wie bei rechtsverkehrenden Autos.

Proviant

Wir fahren in den Stadtteil Klein Windhoek, der mehrheitlich von Weissen bewohnt ist, und suchen den SPAR auf. Viel kaufen wir nicht, denn wir werden unterwegs bestens versorgt sein. Wir decken uns mit Wasser und Nüssen als Proviant ein und stöbern ein wenig durch das Warenangebot. Derweil passt auf dem Parkplatz ein Wächter, der uns zuvor schon eingewiesen hat, auf unser Auto auf. Natürlich mit der Absicht, am Schluss ein Trinkgeld zu bekommen. Das er dann mit breitem Lachen und einem «Thank you, Ma’m!» einsteckt.

B&B House On Olof Palme

Dank Google Maps finden wir rasch zu unserem Bed-&-Breakfast House on Olof Palme. Es liegt am Stadtrand, im Quartier Erospark. Es scheint ein gehobeneres Viertel zu sein, genau wie Klein Windhoek. Wir werden von Renette Brönner, der Inhaberin der kleinen Anlage, herzlich begrüsst und sind schon in ein angeregtes Gespräch verwickelt, noch bevor wir unser Zimmer bezogen haben.

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Hier lässt es sich gut aushalten: B&B House On Olof Palme.

Im Zentrum des Gebäudeensembles liegt der Pool und lockt zum Bade. Das Zimmer und auch die öffentlichen Räume sind mit viel Liebe dekoriert. Es ist überall sehr gemütlich! Nachdem wir alles angeschaut haben, wollen wir erst einmal ankommen, uns von der Reise erholen und einen Drink geniessen. Renette macht uns fürs Abendessen Restaurantvorschläge, und wir entscheiden uns für The Stellenbosch Wine Bar & Bistro. Natürlich auch, weil wir das südafrikanische Weingut bzw. seine Weine kennen. Renette bestellt uns auch gleich ein Taxi, denn sie mag nicht, wenn ihre Gäste nachts Auto fahren, erst recht nicht, wenn sie Wein getrunken haben. Wie recht sie hat!

The Stellenbosch Wine Bar & Bistro

Der Taxifahrer ist sehr freundlich und überreicht uns am Ziel seine Visitenkarte. Wir sollen vom Restaurantpersonal anrufen lassen, wenn wir wieder ins B&B Olof Palme wollen. Der Weg, hin und zurück, kostet uns übrigens 100 NAD, knappe 5 CHF. Wir fassen es kaum! Im Restaurant Stellenbosch dürfen wir wählen, ob wir drinnen oder draussen im gemütlichen Patio essen wollen. Keine Frage: draussen natürlich! Der Brunnen plätschert, an den Tischen plaudert eine durchwegs gemischte Gästeschar, während die Sonne langsam untergeht. Der Apero-Wein mundet schon mal vorzüglich. So kann es ruhig weiter gehen 😊

Namibia, Windhoek, Restaurant Stellenbosch
Der lauschige Hof im The Stellenbosch Wine Bar & Bistro.

Die Vorspeise, ein Tuna-Tatar, teilen wir uns. Dann geniesst Heinz ein Hühnchen-Curry und ich Seehecht mit Pommes. Dazu eine Flasche Stellenbosch Syrah Reserve. Wir sind voll des Lobes, alles hat wunderbar geschmeckt! Und dann noch diese Atmosphäre… Für das ganze Abendessen bezahlen wir umgerechnet 48 Franken. Da hätte zu Hause nur schon der Wein mehr gekostet…

Namibia, Windhoek, Restaurant Stellenbosch
Romantischer geht’s fast nicht…

Sehenswürdigkeiten in Windhoek

Das Angebot an Sehenswürdigkeiten ist nicht gerade riesig, denn Windhoek ist zwar die Hauptstadt, aber mit ungefähr 400 000 Einwohnern (so genau weiss man das nicht) bei weitem keine Grossstadt. Das Zentrum wirkt modern und ziemlich europäisch, jedoch etwas bunter und sehr heiter. Wir fahren zum Independence Memorial Museum hinauf. Der Hügel bietet nicht nur eine gute Sicht auf die Stadt, hier oben befinden sich auch die Christuskirche und das Parlamentsgebäude. Doch der Reihe nach.

Independence Memorial Museum

Das Unabhängigkeits-Gedenkmuseum ist eines der höchsten Gebäude Namibias und trägt im Volksmund den Spitznamen Kaffeemaschine. Entworfen und gebaut wurde es von der nordkoreanischen Firma Mansudae Overseas Projects. Der eigenwillige Bau wird von zwei Statuen flankiert, der Sam-Nujoma-Statue und der Genozid-Statue, die beide ebenfalls von Mansudae geschaffen wurden. Sam Nujoma war ein namibischer Freiheitskämpfer und Politiker. Seine Statue steht genau dort, wo früher das Reiterdenkmal stand, das einen berittenen Vertreter der deutschen Schutztruppen darstellte. Damit wollte man symbolisch den Übergang des Kolonialismus’ in die Unabhängigkeit darstellen.

Namibia, Windhoek, Unabhängigkeits-Gedenkmuseum
Das Unabhängigkeits-Museum in Windhoek mit seiner speziellen Architektur.

Das Museum selber ist drei Stockwerke hoch. Jede Etage widmet sich einem wichtigen Teil der namibischen Geschichte, von der kolonialen Unterdrückung, über den schwierigen Weg zur Befreiung bis hin zur Unabhängigkeit des Landes. Es gibt übrigens geführte Touren durchs Museum. Lohnend ist auch die Fahrt mit dem gläsernen Aussenlift hinauf in den 4. Stock zum Restaurant. Zumindest für Schwindelfreie.

Namibias Geschichte – so kurz wie möglich

Der portugiesische Seefahrer Diego Cão, der den Auftrag hat, Afrika auf dem Seeweg zu erkunden, errichtet 1486 an der namibischen Küste ein Steinkreuz am heutigen Cape Cross. 1893 entdeckt der deutsche Kapitän Becker das Kreuz. Er lässt es durch ein hölzernes und später durch eine Nachbildung aus Granit ersetzen. Das Original stand bis 2019 im Deutschen Historischen Museum in Berlin, wurde dann aber an Namibia zurückgegeben.

Der damalige Reichskanzler Otto von Bismarck erklärt 1884 Südwestafrika zum Deutschen Schutzgebiet. 1889 trifft die erste deutsche Schutztruppe ein, welche eher einen Polizei- denn einen Militärcharakter hat. Der Stamm der Hereros zeigt sich gegenüber den Deutschen feindselig, worauf man mit den Häuptlingen der Herero, Nama und Rehobother Baser Schutzverträge abschliesst. 1892 versöhnen sich die verfeindeten Nama und Hereros – und zetteln gemeinsam einen Aufstand gegen die Deutschen an. Diese schlagen 1893 zurück, doch erst ein Jahr später kann der Namahäuptling, Hendrik Witbooi, besiegt werden. Er verpflichtet sich, den Schutzvertrag anzuerkennen. Es folgt eine friedliche Zeit.

Immer mehr Deutsche Händler und Farmer reisen ein, die bestehende Bevölkerung fürchtet um ihre Weiden und Wasser. 1904 beginnt der Herero-Aufstand, der auch auf das Damaraland übergreift. Menschen sterben, Infrastruktur wie Bahn und Telefon werden zerstört, Farmen und öffentliche Gebäude angezündet. Die deutsche Schutztruppe greift ein. Generalleutnant von Trotha will die Herero vernichten. In der Schlacht beim Waterberg lässt er ihnen nur den Weg in die Wüste offen – dreiviertel des Stammes kommt ums Leben.

Gleichzeitig kämpfen die Nama in einem Guerillakrieg gegen die Deutschen. 1907 sind die Nama wie auch die Herero quasi vernichtet. Abgelegene Stämme wie die Ovambo, Damara, Himba und Rehobother Baster bleiben von den Gräueltaten weitgehend verschont. Doch: Allen Schwarzen wird das Recht auf Land- und Viehbesitz genommen.

Zeitsprung. Der Friedensvertrag von Versailles 1919 verwehrt Deutschland alle Ansprüche auf Kolonialbesitz. 1920 wird Namibia zum Mandatsgebiet der Südafrikanischen Union erklärt. Südafrika ist es jedoch nicht erlaubt, in Namibia Militärbasen zu errichten, und es muss die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes fördern. Südafrika hält es aber wie die Deutschen und betrachtete Namibia als Kolonie. Die schwarze Bevölkerung wird in Reservate zurückgedrängt, und das Land soll sogar als fünfte Provinz Südafrika einverleibt werden. Die UNO lehnt dies ab, doch Südafrika verschärft seine Politik und weitet das Apartheid-Gesetz auf Namibia aus.

In den 1950er-Jahren wird der Ruf nach Unabhängigkeit lauter, die Ovamboland People´s Organisation (OPO) wird gegründet. Gründungsmitglied ist Sam Nujoma, der Streiks und Demonstrationen organisiert. Er wird später der erste Präsident des unabhänigen Namibias sein. Doch zuvor, Ende 1959, geschieht ein Massaker: Die südafrikanische Polizei schiesst ohne Vorwarnung auf eine friedliche Demonstration gegen die Umsiedlung von Schwarzen, die von Frauen angeführt wird. Noch heute wird am Namibian Women’s Day diesem traurigen Geschehnis gedacht. Die Härte der südafrikanischen Regierung zeigt, dass die Unabhängigkeit kaum mit friedlichen Mitteln erreicht werden kann.

Die UNO entzieht Südafrika das Mandat für die Verwaltung Namibias und wird aufgefordert, das Land zu verlassen. Südafrika ignoriert dies, und die SWAPO (ehemals OPO) ruft die Namibier zum bewaffneten Kampf auf. Der 26. August 1966 geht wegen seiner blutigen Kämpfe als «Namibia-Tag» in die Geschichte ein, der jedoch keinen Sieger hervorbringt. Es folgt ein jahrelanges und teilweise blutiges Seilziehen.

Nach langen Verhandlungen tritt die UNO-Resolution 435 am 1. November 1988 in Kraft, im November 1989 ist die südafrikanische Armee aus Namibia vollständig abgezogen. Eine Amnestie ermöglicht dem ehemaligen Freiheitskämpfer Sam Nujoma die Rückkehr nach Namibia. Bei den ersten Wahlen im November 1989 wird er als Präsident nominiert und später gewählt. Die gewählten Parteien formulieren eine Verfassung, und der 21. März 1990 wird als Tag der Unabhängigkeit festgelegt.

Last but not least: 1994 gibt Südafrika auch die Enklave Walvis Bay an Namibia zurück, womit das Land nun über einen wichtigen Hochseehafen verfügt. Und: Sam Nujoma wird auch für eine zweite Legislatur gewählt.

Quelle: Namib.info

Christuskirche

Die 1910 geweihte evangelisch-lutherische Kirche ist das Wahrzeichen der Stadt. Erbaut wurde es im neoromanischen Stil aus regionalem Sandstein. Nur das Portal und der Altar bestehen aus Marmor. Sehr zu unserem Leidwesen ist die Kirche geschlossen. Dafür werden wir von einem Souvenir-Verkäufer belagert. Wir kommen nicht umhin, einen geschnitzten Schlüsselanhänger aus der nussartigen Frucht des Jacarandabaumes zu völlig überhöhtem Preis zu kaufen. Aber was soll’s…

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Bei der Christuskirche stehen wir vor verschlossener Türe.

Parlamentsgebäude

Gottlieb Redecker hat nicht nur die Christuskirche entworfen, sondern auch das Verwaltungsgebäude, das die Einheimischen Tintenpalast nennen. Ein naheliegender Spitzname, denn Beamte verbrauchen bekanntlich viel Tinte. Das 1913 eingeweihte Gebäude hat Jahrzehnte später Gesellschaft bekommen: das heutige Parlamentsgebäude. Hier tagt seit 1990 das Oberhaus der Nationalversammlung. Besonders schön und der Öffentlichkeit zugänglich, ist der Parliament Garden, der Parlamentsgarten mit seinen Palmen und Jacarandabäumen.

Namibia, Windhoek, Tintenpalast
Der Tintenpalast (ganz im Hintergrund) ist von einem herrlichen Garten umgeben.

Alte Feste

Aus unerklärlichen Gründen haben wir das älteste Gebäude der Stadt irgendwie übersehen. Obwohl das eigentlich ja gar nicht möglich ist! Die Alte Feste wurde 1892 vollendet, jedoch nur bis 1915 als Festung genutzt. Im Hof wird übrigens das alte Reiterdenkmal gelagert, dem der Status Nationaldenkmal 2014 aberkannt worden ist. Wie auch immer, wir haben einen Grund, nochmals nach Windhoek zu reisen…

Weiterführende Links

>>> Weiter geht’s zum Bagatelle Kalahari Boutique Farmhouse – unter Nashörnern und Geparden

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>>> Weiter zu Namibia: Allgemeine Reisetipps

>>> Weiter zu Namibia: Tipps für Selbstfahrerinnen und -fahrer

© Text: Inge Jucker; Fotos: Heinz Jucker | TravelExperience.ch | 2024

Offenlegung: Wir haben die ganze Reise aus der eigenen Tasche bezahlt.