Wer einen anderen Blick auf Wien werfen will, der Geschichte und Gesellschaft, Architektur und Kultur ganz tief auf den Zahn fühlen möchte, der kommt um dieses Buch der Wiener Journalistin Ilsa Barea (1902–1973) nicht herum.
Cover, Wien, Ilsa Barea
Buch- und Geschenktipp: Wien – Legende & Wirklichkeit von Ilsa Barea

Wer jetzt bei den Lebenszahlen der Autorin Barea gestockt hat, dem sei erklärt, dass die Journalistin das Buch ursprünglich in englischer Sprache verfasst hat. Und es hat bis 2021 gedauert, bis es von Julia Brandstätter und Gernot Trausmuth endlich ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht worden ist. Über Ilsa Barea-Kulcsar werde ich später noch ein paar Worte verlieren. Jetzt tauche ich erst einmal ins Wien zwischen dem 16. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg ein. Ich möchte einerseits einen Eindruck vom umfassenden Buchinhalt vermitteln und andererseits ein wenig Wissen aus Ilsa Bareas Feder vermitteln. Viel Spass dabei!

Wien in seinen Anfängen

Um einen Überblick zu bekommen, steigt man am besten auf den Leopoldsberg, den Reisenberg (von den Einheimischen Cobenzl genannt) oder den Hausberg Kahlenberg hinauf. Insbesondere den Leopoldsberg empfiehlt Ilsa Barea: «Auf dem Gipfel errichtete Leopold III., Markgraf aus dem Haus der Babenberger und Herrscher über die Mark Österreich, zu Beginn des 12. Jahrhunderts eine Burg. Wien – einst ein kleiner römischer Aussenposten namens Vindobona – war damals nicht mehr als ein Fischer- und Winzerdorf, aber innerhalb von vierzig Jahren verwandelten die Babenberger die Siedlung in eine Grenzfestung und ihren herzoglichen Sitz. So entstand die Stadt Wien.»

Am Fusse des Leopoldsberges fliesst die Donau in einem Bogen vorbei, die Lebensader der Stadt. Menschen, Güter und Ideen kamen auf dem Fluss von Westen her. So auch 1762 Leopold Mozart mit seinen zwei Kindern und einem Klavier. Das Wunderkind Wolfgang spielte bei der Ankunft ein Menuett auf seiner Geige und begeisterte den Zöllner derart, dass Familie und Klavier anstandslos durchgewinkt wurden. Einen anderen Musikstil brachten die Bootsleute und Flösser aus ihren Dörfern mit, nämlich die Rundtänze, aus denen sich in Wien der Walzer entwickelte.

In vielen volkstümlichen Liedern kommen Ortsnamen wie der Prater, der Kahlenberg, Grinzing, Nussdorf und natürlich Wien vor. Wer kennt nicht den Vers: «Ich möcht’ wieder einmal in Grinzing sein, beim Wein, beim Wein, beim Wein…»? Wein spielt in der Stadt an der Donau tatsächlich schon früh eine grosse Rolle und es entwickelte sich eine eigene Weinkultur, zu der auch die tiefen Gewölbekeller gehören, in denen der Wein gelagert wurde – und noch wird. Jenes des Palais Coburg haben wir im Beitrag «Wiener Schnitzel, Schnecken und ein Palais» beschrieben.

Architektur und Kunst

Weil das Leben des Architekten Johann Bernhard Fischer gut dokumentiert ist, macht sich Ilsa Barea auf seinen Spuren an die Schilderung, wie Wien zu einigen berühmten Gebäuden gekommen ist. Wer über Ansehen und Geld verfügte, liess sich ein Gartenpalais, ein Winter-, Sommer- oder Stadtpalais bauen. Was aber genauso spannend ist, sind die Einblicke ins Geschehen am Kaiserlichen Hof Leopolds I. rund um 1700 herum.

Weiter gestatten die Aquarelle von Franz Xaver Maria Nikolaus Andreas Freiherr von Paumgartten (was für eine Name!) den geneigten Kunstfreunden Einblicke in das biedermeierliche Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Später soll sich die Stadt erneuern und erweitern. 1865 wird die Ringstrasse, das Herzstück des neu gestalteten Wiens, dem Verkehr übergeben. Sie führt in einem grossen Bogen von Donauufer zu Donauufer rund um den 1. Bezirk, den historischen Kern Wiens. Die Staatsoper war das erste Haus am Ring, gefolgt vom Naturhistorischen und dem Kunsthistorischen Museum, dem Parlamentsgebäude, dem Rathaus und der Wiener Börse, um nur einige zu nennen. Es entstand eine regelrechte Ringarchitektur.

Während sich die Wiener Gesellschaft in Oper und Museen vergnügte, lebte Kaiser Franz Joseph eher abgeschottet in der Hofburg. Die Umstände und die öffentliche Wahrnehmung beleuchtet die Autorin eingehend. Schriftsteller Hermann Broch liefert dazu seine These, «dass in Wien eine Art ‹Gallert-Demokratie› existiert habe, in Gestalt der gegenseitigen Verständigung von Adel und Volk und ihrer gemeinsamen Flucht in die Frivolität; und dass das Bild des einsamen Königs ein vages Gefühl von dem bevorstehenden Zusammenbruch ihrer Welt vermittelte…». Spannend auch zu lesen, was sich alles zugetragen hat vor und nach dem erweiterten Selbstmord des Kronprinzen Rudolf… Spitzel- und Liebesgeschichten… Es liest sich wie ein historischer Roman.

Möbel- & Designstil

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts haben sich das Ambiente und der Stil der Möbel rasch gewandelt, vom schlichten Biedermeier hin zu den geschwungenen Formen des Zweiten Rokokos bis zu Schwülstigkeit des Dritten Rokokos. Hans Makart war einer der Dekorationskünstler jener Zeit; er galt als «Zauberer» der Ringstrassenära und beeinflusste den Einrichtungsstil ganz Wiens. Nach seinem Tod kam der Makart-Stil rasch ausser Mode, was auch mit den verwendeten Farben seiner Bilder zu tun hat: sie verblassten schnell, weil er den Farben Zusatzstoffe beimischte, die das Trocknen beschleunigten.

Die jungen, intellektuellen Meinungsführer brachen mit Makart in den 1890er-Jahren und bereiteten den Boden beispielsweise für Glasermeister Josef Lohmeyr Senior und seine Söhne (z. B. Beleuchtung) oder auch für Gustav Klimt. Eng mit der Architektur verbunden waren diverse Künstler und Handwerker. Bekanntheit erlangten neben Klimt auch Otto Wagner (Postsparkasse) und die Künstler der Vereinigung Seccession sowie der Wiener Werkstätte. In Verbindung steht auch der Zeichner und Maler Egon Schiele, der mit nur 28 Jahren 1918 ein Opfer der Spanischen Grippe wurde. Er war ein proletarischer Rebell.

Geisteswissenschaften

Auch Schriftsteller Hugo von Hoffmannsthal, schon zu Schulzeiten ein Wunderkind, nahm Einfluss. Und Theodor Reynat, der die Psychiatrische Klinik in Wien leitete, fand, «dass ein Spitalarzt kein Geschäftsmensch sein sollte» und deshalb nebenbei eben keine Privatpraxis betreiben darf. Sehr klug! Doch Sigmund Freud war da ganz anderer Ansicht. Literaten wie Arthur Schnitzler und Stefan Zweig, Musiker und Komponisten habe ich hier etwas aussen vor gelassen, doch sie und viele weitere mehr kommen in Bareas Werk natürlich auch vor.

Nach dem Ersten Weltkrieg schien die führungslose Bourgoisie dem Untergang geweiht, aber sie rappelte sich wieder auf. Dies wiederholte sich 1946 – vom selben Teil der Bevölkerung und derselben politischen Gruppe, die den Neubeginn übernahmen.

Fazit

Wieso ist Wien so geworden, wie es ist? Das erklärt Ilsa Barea in diesem Buch wunderbar – zumindest vom 16. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg. Eigentlich hätte man sich weitere Ausführungen über spätere Jahre gewünscht, doch die Schriftstellerin verstarb 1973 in Wien. Das Buch ist eine Fundgrube für richtige Wien-Fans und sorgt auf 435 Seiten für spannende Einblicke und bestimmt auch etwas Weiterbildung.

Zur Autorin Ilsa Barea

Die Journalistin und Autorin trug vor 55 Jahren zusammen, was Wien geformt und so einmalig gemacht hat. Ilsa Barea war als österreichische Journalistin im Spanischen Bürgerkrieg, emigrierte nach Frankreich und England und kehrte 1965 schliesslich nach Wien zurück, wo sie 1973 gestorben ist. Sie zeichnet ein schillerndes Bild von Wien, das im Grunde genommen nur von der Realität übertroffen wird.

Infos zum Buchtipp „Wien – Legende & Wirklichkeit

Titel: Wien – Legende & Wirklichkeit
Autorin: Ilsa Barea-Kulcsar
Verlag: Edition Atelier
ISBN: 978-3-99065-059-2
464 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen
Preis: ca. 38 Euro

© Text: Inge Jucker | TravelExperience.ch | 2021