Wenn ein Journalist nach seiner Pensionierung nach Goa zieht, hat er wohl Zeit für einen reflektierenden Blick zurück auf seinen Arbeitgeber und 37 bei ihm verbrachte Jahre. Entstanden ist ein spannend zu lesendes, kritisches Porträt der NZZ aus der Feder von Friedemann Bartu.
Buchtipp, Umbruch, Friedemann Bartu
Friedemann Bartu, erfahrener und pensionierter NZZ-Journalist, über seinen Arbeitgeber. Ein Lesetipp.

Meine Bettlektüre der letzten Tage setzt – zugegebenermassen – etwas Medienaffinität voraus. Oder man ist Abonnentin der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Oder beides zusammen. Da der seit ein paar Jahren pensionierte Friedemann Bartu und ich Berufskollegen sind, liegt es nahe, dass ich gespannt war auf seine Erlebnisse und Erfahrungen, die er bei der «alten Tante» NZZ während 37 Jahren gesammelt hat. Ich durfte ja auch für die NZZ schreiben, was ich im Nachhinein, also nach der Lektüre dieses Buches, als Auszeichnung auffassen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte ;-)

Dass die NZZ einst eine wahre Spielwiese für Schreibende war, die sich unendlich viel Zeit lassen konnten, ist schon früher zu mir durchgedrungen. Aber dass nur zwei bis drei Artikel pro Jahr (!) okay waren – tief Luft holen –, also das muss sich eine Zeitung erst mal leisten können! Diese Zeiten sind allerdings schon länger vorbei – wen wundert’s…?

Was so eine Redaktionsgemeinschaft an Begebenheiten und Geschichten erlebt und provoziert hat, davon berichtet Friedemann Bartu echt spannend und unterhaltsam. Er würzt mit Anekdoten, hält aber auch mit Kritik nicht hinterm Berg. Man spürt, dass er einiges einfach über sich ergehen liess, denn als Auslandkorrespondent zeitweise nicht an der Falkenstrasse anwesend, konnte er Distanz wahren.

Eng verwoben mit manchmal gar skurrilen Begebenheiten in diesem Herrenclub – die man als Leserin übrigens kaum glauben mag! – sind die politische Geschichte des Hauses NZZ, die eher irritierenden Besitzverhältnisse und die personellen Wechselbäder, welche langjährige Mitarbeiter erleben durften. Oder mussten. Aber auch die Schweizer Medienwelt, in Sachen Zwiespalt säen nicht gerade ein Unschuldslamm, ist Bestandteil von Friedemann Bartus Schilderungen und rundet das Bild ab.

Sein Blick zurück auf die Zeit als NZZ-Redaktor und die Geschehnisse an der Falkenstrasse ist dennoch, wie soll ich sagen… irgendwie wohlwollend. «Umbruch» ist keine Abrechnung, und auch keine Lobhudelei. Aber Seite für Seite spannend zu lesen.

BUCHINFO

Titel: Umbruch. Die Neue Zürcher Zeitung. Ein kritisches Porträt.
Autor: Friedemann Bartu
Verlag: Orell Füssli
ISBN: 978-3-280-05716-2

© Text: Inge Jucker | TravelExperience.ch | 2020

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