Quinten ist meist der Ausgangs- oder Endpunkt einer Wanderung, garantiert autofrei und Herkunftsort einiger hausgemachter Spezialitäten.
Quinten
Feigen von diesem Baum bereichern in den Stüvas Rosatsch in Celerina das SlowFood-Menü. (Siehe Link ganz unten.)

Es ist schon eine Weile her, da sprachen die staugeplagten Ausflügler nicht vom Walensee, sondern vom Qualensee. Doch seit 1986 braust der Verkehr auf der A3 ungebremst an den Dörfern vorbei. Nur für Quinten und das noch kleinere Au sind Auto und Stau seit je her Fremdwörter.

Mediterranes Mikroklima

Ruhig liegt der See heute – er kann auch anders! – und leises Verkehrsrauschen gleitet übers Wasser, schwappt an die Gestade von Quinten. Die Welt hier ist eine andere. Keine Verkehrsampeln, keine Strasse, erst recht kein Auto. Die kleinen Fachwerk- und Rebhäuser schmiegen sich an den steilen Südfuss der Churfirsten, wo sich ein einzigartiges Mikroklima entwickelt hat: Es ist so mild, dass Reben, Feigen und Kiwis prächtig gedeihen.

Quinten
Schon am Hafen stolpert man über erste Köstlichkeiten.

Wer in Quinten ankommt, hat entweder einen etwa dreistündigen Fussmarsch oder eine Fahrt mit dem seequerenden Kursschiff bzw. mit dem längs von Weesen bis Walenstadt verkehrenden Ausflugsschiff hinter sich. Anders ist das Örtchen am Walensee nicht erreichbar. Der Weg durch das Dorf ist kurz und steil, führt vorbei an Bauerngärten, dem Kirchlein und dem Feuerwehrdepot. Man fragt sich unweigerlich, wie sich hier ein Bewohner fühlt, dem die Besucher fast durchs Gemüsebeet spazieren?

Quinten
So schön ist der Bärlochersche Blumengarten.

Margrit Bärlocher sagt verschmitzt lachend: «Wenn man immer etwas zu tun hat, bemerkt man die Leute gar nicht mehr.» Und die agile Rentnerin hat immer Arbeit, denn sie bestückt ihr «Kellerlädeli» im Dörfli ausschliesslich mit Selbstgemachtem. Genussmenschen gehen hier die Augen über: Quintener Honig, Feigen- und andere Konfitüren, Pfefferminzöl, Bärlauchsenf, Geisswürste, Feigenschnaps, Quintener Wein…

Arbeitsreiche Idylle

Die Pflege der Reben beginnt bereits im Januar. Doch während der Sommermonate ist die Laubarbeit sehr aufwendig, müssen Netze gespannt und elektrische Zäune gegen Füchse und Marder gezogen werden. Meistens kann die Weinbäuerin mit ihrem Weidling den Rebberg erreichen. Nur bei Sturm ist die Anlegestelle zu gefährlich – dann steht ein 40-minütiger Fussmarsch bevor…

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Weiter oben im Dorf ist der Laden von Margrit Bärlocher.

Wenn der Rebberg nicht ruft, ist die Selbstversorgerin in Haus und Garten voll beschäftigt. Und auch die Geissen, Schafe, Kaninchen, Hühner und Bienen wollen umsorgt sein. «Während der Hochsaison wird immer gerade das erledigt, geerntet oder verarbeitet, was am dringendsten ist», erzählt sie. Wer selber auch nur ein einziges Gemüsebeet bewirtschaftet hat, der weiss: es wird oft alles zusammen reif! Da kommt man mit Essen und Einmachen kaum nach.

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Und der ist randvoll mit Eingemachtem…

Die Zürcherin lebt seit 1983 in Quinten. Sie hat das Dorf in ihrer Kindheit während vieler Ferienwochen kennengelernt. Einige Häuser und Wohnungen werden an Feriengäste vermietet, ein Hotel gibt es nicht. Auch keinen Laden, der Dinge des täglichen Gebrauchs anbietet. Was hier zum Leben benötigt wird, wächst entweder im Garten oder muss mit dem Schiff hergebracht werden. Letzteres gilt auch für die Ferienaufenthalter.

Doch wenn sie keine Lust zum Kochen haben, können sie immerhin zwischen zwei Restaurants auswählen. Dort treffen sich übrigens auch die Einheimischen ab und zu auf einen Schwatz. In Quinten wohnen Menschen jeden Alters, drei Familien haben Kinder. Diese werden bei jedem Wetter mit dem Kursschiff nach Murg zum Kindergarten und zur Schule gefahren.

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Heidi lässt grüssen… Das Heididort ist ja nicht allzu weit weg.

Alles kommt auf dem Wasserweg

Schliesslich interessiert doch noch die Frage, ob denn die Quintener, die ein echt autofreies Dorf haben – im Gegensatz zu Zermatt & Co. –, ganz ohne Wagen auskommen? «Nein, einige haben drüben in Murg ein Auto stehen», erzählt Margrit Bärlocher. Auch sie besitzt eines. Das braucht sie nicht nur fürs Anliefern von Einmachgläsern, Flaschen, Tierfuttersäcken und Strohballen, sondern hie und da auch für einen Tiertransport. Von Quinten nach Murg reisen beispielsweise die Schafe jeweils auf dem Weidling, danach geht es im Autoanhänger weiter.

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Zur Orientierung für Wandervögel.

Für die Quintener ist das Leben grundsätzlich ein klein wenig aufwendiger, weil jedes Ding auf dem Wasserweg herbeigeschafft werden muss. Doch das nehmen sie gerne in Kauf, denn als Entschädigung geniessen sie eine sehr hohe Lebensqualität im idyllischen Dorf. Und davon profitieren auch die Tagesgäste.

Infos zu Quinten

www.quinten.ch

© Text & Fotos: Inge Jucker | TravelExperience.ch

Offenlegung: Der ganze Ausflug wurde selbst berappt. Diese Reportage ist ebenfalls in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.

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