Kurvengeflüster wird bestimmt mein Lieblingsbuchtipp des Jahres, denn selten hat mich meine Erwartung so gründlich auf den Holzweg geführt. Dieses Reisebuch von André Niedostadek ist echt unterhaltsam, humorvoll und mitnehmend. Viel Spass beim Reinschnuppern!
Kurvengeflüster, Cover, Buchtipp
Auf seinem Weg auf der Via Francigena von Canterbury nach Rom kommt der Autor auch in Siena vorbei…

André Niedostadek, der Autor von «Kurvengeflüster», hat mich «vorgewarnt», als hätte er mein Stinrunzeln gesehen, als ich seine Nachricht gelesen habe. Motorradfreak. Kilometerfresser. Technikzeugs. Um nur einige Schlagwörter aufzuzählen, die mir da gerade durch den Kopf gegangen sind. Aber wie Worte, in Klammer eingefügt, haben mich doch neugierig gemacht: (übrigens eher ein Kulturbuch als ein Motorradbuch). Wenige Tage später trudelt das Buch ein und… was soll ich sagen… Endlich wieder einmal ein Buch, das mich überrascht hat! Positiv und völlig unerwartet.

Der Weg ist das Ziel – oder doch Rom?

André Niedostadek schickt sich an mit seiner «Dicken», einer Honda Deauville NT 700, der Via Francigna entlangzufahren, von Canterbury nach Rom. Die alte Pilgerstrasse, wohl eher ein Weg, geht auf Sigerich, den Erzbischof von Canterbury zurück. Im Jahr 990 wanderte er nach Rom, um sich vom Papst das Palladium, eine Art Stola, übereichen zu lassen. Die neue Pilgerstrasse ist hingegen eine touristische Erfindung, wohl in Anlehnung an den sehr erfolgreichen Jakobsweg.

Dies ist also die Ausgangslage. Wer jetzt aber eine Streckenbeschreibung à la Reiseführer erwartet, wird enttäuscht. Und nein, auch reine Motorradfreaks kommen nicht auf ihre Kosten. Vielmehr erzählt der Autor locker, entspannt, aber auch spannend, von seinen Erlebnissen am Strassenrand, von Begegnungen, Wirrungen und der Suche nach Tankstellen.

Unterhaltsame Ausflüge

Seine eigenen Empfindungen und Gedankengänge sind eingestreut, und wo es gerade passt, macht Niedostadek immer mal wieder Ausflüge zu historischen und anderen Begebenheiten, die sich entlang der Strecke einst ereignet haben. Ein kleines Beispiel: Durch Nord-Pas-de-Calais reisend, ist einer der berühmtesten Filme Frankreichs ein Thema, das bei uns im Blog auch schon beschrieben wurde: «Willkommen bei den Sch’tis»

Auch seine geschichtlichen Ausflüe sind unterhaltsam, gar nicht trocken und oberlehrerhaft, dass mir keine Sekunde langweilig wird. Der Text fliesst munter dahin wie ein murmelndes Bächlein, und ich mochte gar nicht aufhören zu lesen. Die sinnreiche Reise findet aber auf Seite 252 definitiv ein Ende – mit einem Blick in den Rückspiegel und dem guten Rat, das Leben zu leben.

Ein hoffnungsvolles, mitnehmendes, unterhaltendes und humorvolles Reisebuch, das Raum für eigene Gedanken lässt und auch schafft – und vielleicht den einen oder anderen dazu bewegt, sich selber in Bewegung zu setzen. Alleine. Aber nie einsam, weil man sich so auf neue Begegnungen einlassen kann, die man sonst übersehen hätte.

Ich denke, das dürfte mein Top-Buchtipp des Jahres sein…

Leseprobe

Dünkirchen, Frankreich. 18. Juli – Wenn ich daran denke, wohin ich eigentlich will, dann bin ich alles andere als auf Kurs. Genau genommen fahre ich sogar in die komplett falsche Richtung. Hätte ich einen Kompass zur Hand, müsste ich mich eher entgegengesetzt der Nadel halten. Zein Ziel liegt exakt 1643 Kilometer weiter südlich: Rom, die Ewige Stadt. In 15 Stunden und 49 Minuten könnte man es bis dorthin schaffen. Schnellste Route, übliche Verkehrslage. Clevere App. Und was mache ich stattdessen? Ich warte auf die nächste Fähre, die mich nach Norden bringt. Es geht nach England.

Zum Glück brauche ich das niemandem zu erklären. Hoffe ich zumindest. Bei der gleich anstehenden Grenzkontrolle wird man mich wohl kaum fragen: «Wohin soll’s denn gehen?»

Und wenn doch?

Klar, ich könnte natürlich antworten: «Na ja … nach Rom halt … zum Papst.»
Das wäre nicht einmal gelogen. Am Ende der Tour ist tatsächlich eine Audienz beim Papst geplant. Wenn man schon in Rom ist.

Aber weiss ich, wie es hier so um den Humor des Personals bestellt ist?

Wenn es gut läuft, schenkt man mir vielleicht ein mitleidiges Lächeln. Wenn es weniger gut läuft, riskiere ich ein: «Ach ja, nach Rom. Zum Papst. Sicher. Sind Sie so nett und warten da vorne einen Augenblick? Da kümmert sich gleich jemand um Sie.» Wer will schon einen verirrten Verwirrten an Bord lassen?

© André Niedostadek «Kurvengeflüster»

Und spannend geht’s weiter…

Infos zu “Kurvengeflüster

Titel: Kurvengeflüster
Autor: André Niedostadek
Verlag: Thurm
ISBN: 978-3-945216-39-2

Über den Autor

André Niedostadek, geboren 1970, studierte Rechtswissenschaften in Münster und Grossbritannien. Nach Stationen in Frankfurt und Düsseldorf ist er heute als Hochschullehrer an der Hochschule Harz sowie als Business Speaker und Autor tätig. Motorradreisen führten ihn bereis in viele Länder Europas. Er ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher Bücher zu unterschiedlichen Themen. «Kurvengeflüster» ist nach «Glücksorte im Harz» sein zweites Reisebuch. Quelle: Thurm Verlag

© Text: Inge Jucker | TravelExperience.ch | 2021

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