Während man in Konstanz das 600-Jahre-Jubiläum des Konzils feiert, geht das auch an der Insel Reichenau nicht spurlos vorbei – weder heute noch damals.
Reichenau
So sieht die Reichenau von oben aus (Foto: Achim Mende).

Die Gemüse- und Fischerinsel

Man hatte mich gewarnt. Und es klang entrüstet: «Auf der Insel stinkt’s nach Kohl!» Ich konnte es kaum glauben, aber als ich dann auf der Klosterinsel eintreffe, erschnuppere ich tatsächlich Gemüsesuppe. Also eigentlich Gemüse, ohne Suppe. Aber eine Mischung, keinen Kohl.

Die meisten Bewohner der 4,3 Quadratkilometer grossen Insel leben vom Gemüseanbau, einige von der Fischerei und vom Weinanbau. Und einige vom Tourismus. Beispielsweise «mein» Inselführer Alfred Heizmann*). Er ist eine Wucht und hat viel Humor. Mit ihm macht ein Ausflug in die Geschichte echt Spass – so einen Geschichtslehrer hätte ich mir gewünscht…!

Reichenau, Riebel, Fisch
Fischer Riebel mit seinem frischen Fang.

Zeitlicher Abstecher in die Zeit des Konzils von 1414 bis 1418: Man stelle sich vor, die Mächtigen, die sich in Konstanz versammelten, kamen nicht auf einen bestimmten Tag nach Konstanz, trafen sich und gingen wieder. Das Treffen zog sich über vier Jahre hinweg, die Leute kamen aus allen Teilen Europas, hatten teilweise weite Wege, blieben lange und brachten ihre Köche und Musiker mit und alles, was die Herrschaften sonst so benötigten. Im Grunde genommen war in der Stadt ein stetes Kommen und Gehen. (S. separaten Beitrag über das Konzil von Konstanz und das Jubiläum.)

Hochburg des Wissens

Konstanz hatte damals 6000 Einwohner, musste aber 72 000 Gäste beherbergen und die wurden natürlich in der Umgebung verteilt. Man kann sich gut vorstellen, dass auch auf der Insel Reichenau Gäste untergebracht wurden. Zumal sich dort das Benediktinerkloster befand, das schon lange einen sehr guten Ruf genoss, weil sich hier viel Wissen und Können angesammelt hatte.

Reichenau, Georgskirche
Die kleine Georgskirche ist eine Schatztruhe.

Hermann der Lahme war trotz seiner Behinderung ein bedeutender Mönch auf der Insel. Auf ihn geht die Zeiteinteilung vor und nach Christus zurück. Hermann war Wissenschaftler, Komponist und Schriftsteller und beherrschte sechs Sprachen. Weil Klöster sehr offene Begegnungsorte waren, fand auch auf der Reichenau ein reger Austausch statt. Allerdings mussten die Besucher sehr belastbar sein, denn tausend Kilometer zu Fuss anreisen und wieder zurück, ist ja kein Pappenstiel!

Bilder für Analphabeten

Eigentlich war die Reichenau ja auch die grösste Schreibstube der ersten Universitäten im Mittelalter, Bologna und Paris. Für vier Buchseiten musste ein Schaf sein Leben lassen. Für ein Messbüchlein kamen so 80 bis 100 Schafe zu Tode. Wenn man damals hätte vegetarisch leben wollen, hätte es wohl keine Bücher gegeben… Aber Bilder. Weil der Grossteil der Bevölkerung nämlich nicht lesen konnte, vermittelte man mit Bildern.

1300 Jahre lang wurden so Glaubensansichten weitergegeben. Das ist in der Georgskirche wunderbar zu entdecken, wo die ältesten Bilder nördlich der Alpen zu finden sind. Die Bilder, in Streifen angeordnet, erzählen vom Brauchtum während des Jahres. Wenn man da so steht, schaut man auf eine über 1000-jährige Geschichte – auf einen Blick!

Reichenau, Georgskirche
Inselführer Alfred Heizmann*) erklärt die Geschichte mit der Kuhhaut…

Alfred Heizmann*) zeigt uns ein Bild und schmunzelt listig: Es zeigt zwei Frauen, die sich miteinander unterhalten und vier Teufelchen, die eine Kuhhaut gross und grösser ziehen. Dennoch reicht sie nicht für das Gerede der Frauen. Man kann jetzt denken, was man will, aber grundsätzlich handelt es sich hier um ein Sinnbild: Man möge seine Worte gut abwägen, denn sie kommen alle vor den Richter… Auch jene der Männer. Heute ist mit dem Ausspruch – das geht auf keine Kuhhaut – etwas anderes gemeint.

Es gäbe noch unendlich viel über die kleine, zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Insel zu berichten, aber gehen Sie doch einfach selber hin und lassen sich überraschen!
Und vielleicht schreibe ich ja auch noch eine Fortsetzung…

*) Alfred Heizmann ist 2017 ganz unerwartet 68-jährig verstorben. In Würdigung seines humorvollen Wesens, seines hintergründigen und schelmischen Geistes und seines grossen Talents, sein immenses Wissen verständlich weiterzugeben, habe ich diesen Blogbeitrag stehenlassen, wie ich ihn ursprünglich geschrieben habe. Nur diese Zeilen habe ich hinzugefügt (30. November 2019).

Infos zur Insel Reichenau

ANREISE
Am einfachsten mit dem eigenen Wagen. Mit den Övis (Bus, Bahn oder Schiff) ab Konstanz.

UNTERKUNFT
Hotel Mohren
Pirminstrasse 141
D-78479 Insel Reichenau
Tel. +49 7534 994 40
www.mohren-bodensee.de
Ein kleines, gemütliches Hotel, das mehr modernes Innenleben bietet, als man erwarten würde. Edle Materialien, klare Linien, unaufdringliches Design – und alte Teile des Hauses wurden gekonnt integriert. Wellness und Spa sorgen für wohligen Genuss und im Restaurant des Hauses lässt sich gut tafeln. Das Haus wird übrigens von drei Damen geführt: Gabriela, Alina und Felicita Ganter.

Reichenau, Hotel Mohren
Das Hotel Mohren auf der Reichenau.

RESTAURANT
Bei Riebels – feine Fischdelikatessen
Seestrasse 13
D-78479 Insel Reichenau
Tel. +49 7534 76 63
www.reichenauer-fischhandlung.de
Fischer Riebel erzählt, dass er jeden Morgen jeweils eine Stunde vor Sonnenaufgang auf den See hinaus fährt und dass die Fangmengen rückläufig seien. Speziell bei den Felchen. Im Untersee werden von allen Fischern zusammen jährlich 250 Tonnen Fisch gefangen. Und während man früher den Fang Richtung Norden, in den Ruhrpott verschickte, werden heute die Restaurants rund um den Bodensee beliefert; dies auch dank der Touristen.

Reichenau, Riebel, Imbiss
Riebels Imbiss…

Riebel führt seine weit herum bekannte Fischhandlung und auch einen kleinen, regengeschützten Open-Air-Imbiss. Für 12.80 Euro bekommt man eine wahrlich riesige Portion Fisch mit Kartoffeln und Salat. Ausserdem zählt Riebel zu den 62 Winzern auf der Insel. Es lohnt sich, seinen Wein zu probieren…

Reichenau, Riebel, Fisch
… und die grosszüge Portion, die ich da aufgetischt bekommen habe…

AUSFLUGSTIPP
Wenn man schon in der Gegend ist, sollte man sich auch noch das Pfahlbaumuseum in Unteruhldingen anschauen. Das Museum mit Forschungsinstitut zählt jährlich etwa 13,4 Millionen Besucher (!), ist auch im Winter geöffnet und bei Kindern besonders beliebt. Ich habe über das Pfahlbaumuseum einen separaten Beitrag geschrieben.
www.pfahlbauten.de

WEITERE DESTINATIONSINFOS
www.reichenau-tourismus.de

© Text & Fotos (wo nicht anders bezeichnet): Inge Jucker | TravelExperience.ch

Offenlegung: Die DZT (Deutsche Zentrale für Tourismus) hat diese Reportage ermöglicht.

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