Tessin: Zu Besuch bei Betsy auf der Alp

Nein, Betsy ist keine Sennerin, die Wanderer bewirtet, sondern mein Schottisches Hochlandrind, das dank Natur-Konkret auf den Tessiner Alpen für Ordnung sorgt.

Guido Leutenegger mit seinen menschenfreundlichen Schottischen Hochlandrindern.

Publiziert am 04. Oktober 2013

Dass ich Betsy jederzeit besuchen kann, liegt an Natur-Konkret von Guido Leutenegger (55). Er und sein Team geben mir per E-Mail oder am Telefon Auskunft darüber, wo sich «meine» Kuh gerade befindet. Für 65 Franken im Jahr wird Betsy sogar ein GPS-Sender am Halsband befestigt und ich kann mit Hilfe einer App immer sehen, wo sich das Rindvieh gerade den Bauch voll schlägt. Und wenn es Nachwuchs gibt, teilt mir das die Natur-Konkret-Zentrale per E-Mail mit. Natürlich mit dem Hintergedanken, man könnte das Kuhinvestment ausdehnen... ;-)


Das ist die eine Seite des Vergnügens, «Besitzerin» eines Hochlandrinds von Natur-Konkret zu sein. Die andere Seite: Ich unterstütze ein gutes Projekt, die Tessiner Alpen verbuschen nicht mehr, die Tiere haben ein artgerechtes Leben und ich komme in den Genuss von naturnah produziertem und gesundem Fleisch. Guido Leutenegger will kein Weltverbesserer sein, er ist es aber trotzdem: Er arbeitet mit und für die Natur. Und das gefällt mir.

Ich besuche den Hof des Thurgauer Unternehmers und Naturschützers im Maggiatal im Kanton Tessin. In seinem Büro reicht Leutenegger den besten Salsiz den man sich vorstellen kann und erzählt, wie sein naturnaher Betrieb überhaupt entstanden ist. Neben seiner politischen Tätigkeit war der frühere Lehrer nämlich auch Präsident und Geschäftsführer des Thurgauer Naturschutzbundes (heute Pro Natura) und engagierte sich für den Umweltschutz. Sein erstes Projekt galt dem Neeracherried, einem der letzten grossen Flachmoore der Schweiz. Die Pflege, um das Verbuschen zu verhindern, war äusserst aufwendig. Man suchte also Lösungen – und ähnliche Gebiete mit der gleichen Problematik. Im Süden der Schweiz wurde man fündig.

Tierische Landschaftsgärtner
So kommt Leutenegger 1997 mit seinen 20 Hochlandrindern ins Maggiatal, denn dort gibt es viele Alpen, die teilweise bereits seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr bewirtschaftet werden und zusehends verwildern. Auf die Frage, weshalb denn ausgerechnet Schottische Hochlandrinder auf Tessiner Alpen «landschaftsgärtnern», hat Leutenegger bestechende Antworten: «Es handelt sich um eine ursprüngliche Rasse der Hausrinder, die einst auch in der Schweiz beheimatet war. Aber unverzüchtete Restbestände gab es nur noch in Schottland.» Diese Hochlandrinder sind robust und gutmütig, benötigen keinen Stall, kalben leicht und haben mit dem Alpboden, der für schwerere Rinder ungeeignet wäre, kein Problem. Sie futtern Gras, Kräuter und im Winter Heu, dazu gibt es frisches Quellwasser. Kein Kraftfutter, keinen Mais, nichts dergleichen. Damit erfüllen die Tiere einen weiteren Anspruch Leuteneggers: «feed no food»!

 

«Lotti» ist aus der Werbung mittlerweile bekannt.

Hier guckt eine Kuh durch die Blumen...

Ob Kühe eine tolle Aussicht wahrnehmen?

Isolde, das Wollschwein, mit ihrer Kinderschar.

Ein «Alpenhuhn» mit Nachwuchs.

Guido Leuteneggers Kälber leben monatelang bei den Müttern und kommen in den Genuss gesunder Muttermilch.

Alle Bilder © Ulrich Pfaendler

 

Aus den ursprünglich 20 Kühen sind relativ schnell 150 geworden und Leutenegger musste entscheiden, wie es weiter geht. Trotz Mutterkuhhaltung – was das Melken der Kühe überflüssig macht – fallen Kosten an. Aus dem Landschaftspfleger und Fleischproduzenten wird nun auch ein Vermarkter und der hat einen genialen Einfall: Wer eine «Kuhaktie» für 2500 Franken kauft, bekommt jährlich bestes Rindfleisch im Wert von 350 Franken nach Hause geliefert – und das 10 Jahre lang. Wenn das keine tierisch gute Dividende ist! Und: Welche Fleischstücke der «Aktionär» beziehen möchte, kann er übrigens selber bestimmen.

Hochburg der Schotten und raren Schweine
Die eigentlich verrückte Idee kommt sehr gut an und das ganze Projekt dehnt sich aus. Mittlerweile sind es sieben Alpen, etwa 40 Standorte und um die 600 Hochlandrinder, die das Tessin zu einer Hochburg der Schotten macht. Aber auch die Wollschweine sind eine Investition wert. Sie leben das ganze Jahr über im Freien, haben eine Hütte mit Stroh und eine saumässig schöne Suhle. Ausserdem werden sie Wollschwein-gerecht in kleinen Gruppen gehalten und ausschliesslich mit Biofutter, Eicheln und Kastanien gefüttert. Letztere gibt es im Tessin jede Menge und sie geben dem Fleisch einen besonders feinen Geschmack. Ein Wollschwein-Salsiz ist deshalb durchaus als Delikatesse einzustufen.

Wen wundert es, dass vor kurzem auch noch eine «Huhn-Aktie» eingeführt wurde? Und dass auch hier eine andere Form der Tierhaltung gepflegt wird, dürfte ebenfalls klar sein. Die Fortpflanzung geschieht über Naturbrut. Und: Männliche Tiere werden NICHT als Eintagsküken getötet und entsorgt, sondern als Güggeli gehalten. Die Tiere geniessen während der Vegetationszeit immer frisches Gras und Alpenkräuter. Während andernorts Legehennen schon nach einem Jahr in der Tierverwertungsanlage entsorgt werden, haben Leuteneggers Tiere zehn Jahre lang ein gutes Leben.

Fazit: Also wenn schon Fleisch, dann solches von Tieren, die so leben durften, wie es ihnen entspricht. Im Natur-Konkret-Webshop kann man die Fleisch- und Käseprodukte bestellen. Ausserdem gibt es Partner-Restaurants, die Natur-Konkret-Produkte auftischen. Sie sind auf der Homepage von Natur-Konkret aufgelistet.


NATUR-KONKRET INFOS


ANREISE
Am einfachsten mit dem PW. Von Locarno aus ins Maggiatal bis nach Coglio fahren. Kurz vor dem Dorf liegt linker Hand der Stalla Rondine, der Hof von Guido Leutenegger. Oder mit dem Zug bis Locarno und dort mit dem Bus nach Coglio.

ÜBERNACHTEN
Hotel Cristallina
6678 Coglio
Tel. 091 753 33 50
info@hotel-cristallina.ch
www.hotel-cristallina.ch
Einfaches, kleines, sauberes und gemütliches Hotel in Gehdistanz vom Natur-Konkret-Hof.

INFOS
www.natur-konkret.ch


WANDERTIPP

Wandern und Biken auf dem Cattle Trail im Val Colla
Auf einem etwa 22 km langen Höhenweg kann man sieben Alpen besuchen und dabei über 500 Hochlandrinder sehen. Sie sind gutmütig und für Wanderer/Biker problemlos. Hunde sollten jedoch an der Leine geführt werden. Mehrere Alpwirtschaften bieten regionale Küche an, so dass niemand hungern muss. Auch bieten einige Alpen Übernachtungsmöglichkeiten an. Ausser den Hochlandrindern von Natur-Konkret trifft man auch auf Milchkühe, Ziegen, Wollschweine, Hühner, Pferde und Murmeltiere. Wo Milchkühe sind, wird auch gemolken und aus frischer Alpenmilch Käse gemacht – hier kann man den Käserinnen und Käsern beim Handwerk zusehen. Ein äusserst abwechslungsreiche Trail also... Eine Infobroschüre mit allen Angaben und Karte kann bestellt werden bei: www.natur-konkret.ch

 

Dieser Beitrag ist in ähnlicher Form auch auf www.kulinariker.de veröffentlicht worden.

 

Autorin: Inge Jucker, Travel-Experience.ch


Nach oben

NEWSLETTER-ABO

Abonnieren Sie unseren Newsletter und verpassen Sie keine Reisereportage mehr.


>>> Zum Newsletter-Abo