Eisacktal: Von Torggl zu Torggl...

Im Südtirol sind im Herbst viele private Bauernstuben für Gäste geöffnet. Ein kulinarischer Ausflug in die Wiege dieses geselligen Brauches.

Lagreintrauben kurz vor der Lese. Wein spielt beim Törggelen eine wesentliche Rolle, denn er ist der Grund für den Brauch.

Publiziert am 22. Oktober 2013

 

Während sich in der Schweiz die kalte Jahreszeit bereits spürbar bemerkbar macht, geniesst man im Südtirol noch ein wenig den angenehm mediterran angehauchten Herbst. Und der bringt all die Köstlichkeiten, die im Südtirol gedeihen und veredelt werden, auf die Tische in den Bauernstuben.

Der heimelige Kachelofen wärmt schon ein wenig. Das wäre eigentlich gar nicht nötig, denn am Holztisch wird es eh langsam eng und damit warm. Dicht an dicht sitzen die Gäste, denn es ist verpönt, sich nicht dazuzusetzen. Erst wenn dann wirklich kein Platz mehr frei ist, wird der nächste Tisch in Beschlag genommen. Für Schweizer eine ungewohnte Sitte. Aber bitte, wir sind hier im geselligen Südtirol! Und das zur Zeit des Törggelens, der fünften Jahreszeit, wie die Südtiroler sagen.

An diesem Samstag sind die Stuben des über 400 Jahre alten Bauernhauses des Glangerhofes oberhalb von Feldthurns gut besucht. Es hätte genauso gut die Stube aus dem 11. Jahrhundert des Pacherhofes sein können, denn von Freitagabend bis Sonntagmittag herrscht im Herbst auf allen Törggele-Höfen Hochbetrieb. An unserem Tisch mischen sich Herkunftsländer und Generationen völlig unkompliziert. Es wird gegessen, getrunken, geplaudert, gelacht und zur aufspielenden Südtiroler Stubenmusik geschunkelt. Auch wenn Letzteres nicht alle mögen, lässt man sich von der Fröhlichkeit eben doch anstecken. Es gehört hier einfach dazu und wirkt nicht aufgesetzt.

Wer sich zwischendurch die Beine vertreten will, sollte dem Backhaus des Glangerhofes einen Besuch abstatten. Dort entstehen viele Köstlichkeiten nach Art der Familie Oberhofer, beispielsweise eine süsse Versuchung mit Mohn und Apfel. Doch diese Köstlichkeit gibt es erst zum Dessert. Zunächst türmen sich auf dem Tisch erst einmal Speck, Käse, Kaminwurzen, Schüttelbrot und Nüsse – und das ist erst die Vorspeise. Gegen den grossen Hunger können Gerstensuppe, Schlutzkrapfen, eine Hauswurst mit Kraut oder gar eine Schlachtplatte bestellt werden. Und typisch für die Jahreszeit gehören geröstete Kastanien und natürlich der hauseigene Wein dazu.

Vom Tauschhandel zum Touristenmagnet
Mit dem Wein hat es seine besondere Bewandtnis, denn er ist der Grund für den Brauch des Törggelens. Jetzt nur keine Hintergedanken hegen, selbst wenn es eine Tatsache ist, das so mancher Wanderer nach dem Besuch eines Törggele-Hofes torkelnd weiterzieht... Der Name des Brauches hat mit der Torggl, der Weinpresse zu tun. Und der Tradition zufolge geht es seit 1843 um die Verkostung des «Nuien», des jungen Weines. Dazu besuchte man sich – wohl des Tauschhandels wegen – gegenseitig und auch Weinhändler wanderten von Hof zu Hof, also von Torggl zu Torggl.


Reger Betrieb im Buschenschank auf dem Radoar Biohof.

Törggele vor dem historischen Bauernofen des Pacherhofs.

Schlutzkrapfen mal mit Käse (vorne) und mal mit Mohn-Zucker (hinten) bestreut.

Und zum Dessert gibt's himmlischen Kaiserschmarrn.

Wenn man schon in Feldthurns ist - unbedingt das Schloss besichtigen. Die Holzintarsien und Schnitzereien sind einmalig schön.

Nach dem Törggele im Pacherhof auch dort übernachten ist für Autofahrer eine sichere Sache.

Vermutlich fanden es die Weinbauern im muffigen, dunklen Weinkeller nicht so gemütlich und verlegten das Probieren in die gute Stube. Und damit der Alkohol nicht so schnell zu Kopfe stieg, reichte man deftige Speisen wie die Schlachtplatte und geröstete Kastanien. So entwickelte sich der Brauch des Törggelens, das anfänglich erst ab Martini, dem 11. November, gepflegt wurde. Seit vielen Jahren jedoch öffnen die Buschenschänken und Landgasthöfe ihre teilweise Jahrhunderte alten, holzgetäferten Bauernstuben bereits Ende September, um die hausgemachten Produkte bis Ende November anzubieten. Aber je später im Jahr, desto eher läuft man Gefahr, dass die eine oder andere Köstlichkeit ausverkauft ist.

Wanderweg der Leckereien
Diese verlängerte Öffnungszeit spielt dem Tourismus in die Hand, insbesondere im Eisacktal, der Wiege es Törggelen. In den Gemeinden Feldthurns, Villanders und Lajen Ried sind Törggelestuben häufig zu finden. Einige davon – auch der erwähnte Glangerhof – liegen am «Keschtnweg». Nomen est omen führt diese Wanderroute den Kastanienhainen entlang, vom Kloster Neustift bei Brixen bis zum Schloss Runkelstein bei Bozen. Der Weg ist insgesamt knapp 60 Kilometer lang, ausgeschildert und bequem in vier Tagesetappen zu bewältigen. Es sei denn, man bleibt länger als vorgesehen in einer Törggelestube hängen. Das soll schon vorgekommen sein. Doch darauf sind die Gastgeber vorbereitet; man bestellt gerne ein Taxi, damit der Geniesser doch noch pünktlich sein Tagesziel erreicht.

Der Kastanienbaum, nach dem der Wanderweg benannt ist, hat im Eisacktal seit je her eine wichtige Rolle gespielt. Seine Früchte, die Edelkastanien – in der Schweiz nennt man sie Maroni –, waren früher fast das halbe Jahr über ein wichtiges Nahrungsmittel. Und so versteht man sich in der Talschaft bestens auf die Herstellung feiner Keschtnschmankerln wie Kastaniensuppe, -nudeln oder -glace. Eine aussergewöhnliche Spezialität ist auf dem Radoarhof, ebenfalls in der Gemeinde Feldthurns, zu finden: Kastanien-Edelbrand. Biobauer Norbert Blasbichler hat lange getüftelt, bis der Schnaps perfekt war. Kastanien sind nämlich gar nicht so einfach zu verarbeiten.

Zur Törggelezeit werden auch auf dem Radoarhof an den Wochenenden die Geschmackssinne der Wanderer geweckt. Ein Besuch im Hofladen ist jedoch das ganze Jahr über eine gute Empfehlung. Dort kann man Mitbringsel erstehen oder für sich selber einkaufen, um das Törggele-Gefühl zu Hause etwas zu verlängern.

© Text und Fotos: Inge Jucker/Travel-Experience.ch


INFOS ZUM SÜDTIROL UND TÖRGGELEN


ANREISE
Am bequemsten geht es halt immer noch mit dem eigenen Auto. Mit den ÖV erreicht man Meran von Zürich aus in knappen sechs Stunden und mit viermal Umsteigen. Von Anfang April bis Ende Oktober verkehrt jeden Samstag auch der Südtirol-Express, ein Reisebus, der diverse Schweizer Städte mit dem Südtirol verbindet.

UNTERKUNFT
Hotel Pacherhof, Pacherweg 1, 39040 Neustift-Vahrn, Tel. +39 0472 835 717, www.pacherhof.com: Ideal zum Törggele, denn nach den feinen Leckereien und dem Weingenuss kann man sich gleich in eines der herrlichen Betten des zum Hof gehörenden Hotels fallen lassen.
Hotel Elephant, Weisslahnstrasse 4, 39042 Brixen, Tel. +39 0472 832 750, www.hotelelephant.com: ein legendäres Hotel, das bereits seit über 450 Jahren Gäste empfängt.

TÖRGGELE
Weingut, Edelbrennerei & Biohof Radoar: www.radoar.com
Weingut und Hotel Pacherhof: www.pacherhof.com
Glangerhof, oberhalb von Feldthurns: www.klausen.it/de/feldthurns/genusserlebnisse/toerggelen.html

Informationen zum Thema an sich und über die Törggele-Betriebe gibt es hier:
www.suedtirol.com/herbst/toerggelen
www.suedtirolerland.it/de/essen-trinken/toerggelen/
www.suedtirol.info/Wissenswertes/Suedtirols-Kueche--Rezepte/Toerggelen.html

ALLGEMEINE SÜDTIROL-INFOS
www.suedtirol.info


Dieser Artikel ist in ähnlicher Form im September 2013 in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht worden.

 

Autorin und © Fotos: Inge Jucker, Travel-Experience.ch


Nach oben

NEWSLETTER-ABO

Abonnieren Sie unseren Newsletter und verpassen Sie keine Reisereportage mehr.


>>> Zum Newsletter-Abo