Rothenburg – Romantik in Reinkultur

Die Stadt sieht auf über 1000 Jahre Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen zurück und ist dennoch – oder deswegen! – eine sehenswerte Schönheit.
Rothenburg ob der Tauber

Rothenburg ob der Tauber: Ganze Strasssenzüge entlang ist eine Hausfassade schöner als die andere...

Publiziert am 11. November 2014

Einmal vernichtet ein Erdbeben beide Burganlagen, dann brennt der Ostflügel des Rathauses nieder; die Stadt wird belagert und beschossen und am 31. März 1945 zerstört ein Bombenangriff 40 Prozent der Stadt... Finanzielle Hilfe aus dem In- und Ausland ermöglicht jedoch, dass die Stadt auf der Felsnase oberhalb der Tauber und die alten Wehranlagen wieder in ihrem alten Stil aufgebaut werden. 42 Tor- und Mauertürme zieren die heute teilweise begehbare Stadtmauer, die sich schützend um die verwinkelten Kopfsteinpflastergassen, die charmant schiefen Riegelbauten und die romantische Atmosphäre von anno dazumal legt. Nur auf die Gerüche des Mittelalters muss man «verzichten» – was aber nicht allzu schwer fallen dürfte.

DER RETTENDE FRANKENWEIN

Und da steh ich nun also, mitten auf dem Marktplatz, und bin umgeben von kunstvollen Gebäuden, von bunten Bürgerhäusern mit kleinen Geschäften im Erdgeschoss. Das Rathaus hüllt seine Renaissance-Fassade gerade in ein Baugerüst, aber die Ratsherrntrinkstube macht das Bild wieder wett. Der Marktplatz ist heute wie damals der ereignisreiche Dreh- und Angelpunkt der Stadt. Beispielsweise als im Jahre 1631 die Rothenburger hier den kaiserlichen Feldherrn von Tilly um Gnade anflehen, weil er die Stadt unterworfen hat und Kriegsgericht hält: Er befiehlt die Zerstörung der Stadt.

Rothenburg ob der Tauber

Rothenburg ist voller hübscher Details, die sehr romantisch wirken.

Rothenburg ob der Tauber, Schneeballen

Schneeballen, ein traditionelles Rothenburger Gebäck.

Der Legende nach rettet Altbürgermeister Nusch, der einen Humpen mit 3 1/4 Liter Frankenwein in einem Zug trinkt, die Stadt vor dem Untergang. Seither wird auf dem Marktplatz jedes Jahr vier Tage lang «Der Meistertrunk» als historisches Festspiel mit über hundert Laiendarstellern gefeiert. Ich bin zur falschen Zeit in Rothenburg, aber die Uhr im Giebel der Ratsherrntrinkstube zeigt ebenfalls die legendäre Meistertrunk-Szene: Zwischen 11 und 15 Uhr sowie 20 und 22 Uhr öffnen sich jeweils zur vollen Stunde die beiden Butzenfenster seitlich der Stadtuhr und geben den Blick frei auf Altbürgermeister Nusch beim Leeren des Humpens und auf Feldherr Tilly, der bewundernd dazu nickt...

Übrigens: Der Frankenwein schmeckt heute mit Sicherheit besser als zu Zeiten von Nusch und Tilly. Und mit dem Bocksbeutel wird hier auch einer speziellen Flaschenform gehuldigt, die verpackungstechnisch zwar unpraktisch, aber sehr schön ist. Doch das wäre alles einen separaten Beitrag wert...

DIE GRUSELIGEN SEITEN VON ROTHENBURG

Der nächste Besuch gilt den Historiengewölben und Verliesen im gotischen Rathaus. Szenen aus dem 30-jährigen Krieg sind hier genauso zu finden wie die Folterkammer und der stockdunkle Kerker, wo so mancher Bösewicht schmorte. Perfekt für einen Regentag.

Noch gruseliger geht es im mittelalterlichen Kriminalmuseum zu und her. Hier dokumentieren Gegenstände und Schriftstücke die Art der Gerichtsverfahren, der Folter und des Strafvollzugs. Das klingt jetzt etwas trocken, doch spätestens der Anblick der Folterwerkzeuge lassen den Besucher erschauern und ziehen ihn in die Geschichte hinein, je nach blühender Fantasie etwas mehr oder etwas weniger.

Wie herrlich unbeschwert sind dagegen Nostalgie und Romantik in Käthe Wohlfahrts Weihnachtsdorf und Museum. Ich liebe ja Kitsch – zumindest einmal im Jahr. Und das ist an Weihnachten. Nach einem ersten Rundgang durch die ganzjährige Weihnachtswelt ist klar, dass ich hier nochmals rein muss – einkaufen...

Rothenburg ob der Tauber, Käthe Wohlfahrt, Schwiebbogen

Schwiebbogen: Nostalgie in Käthe Wohlfahrts Shop und Museum.

Rothenburg ob der Tauber, St. Jakobskirche

Die Klingengasse führt unter der Empore der St.-Jakobskirche hindurch.

 

EINE BESONDERE PILGERKIRCHE

Verblüffend finde ich die St.-Jakobs-Kirche, die vermutlich einzige Kirche der Welt, «durch» die eine Strasse führt. Auf der Klingengasse kann man unter dem Empore hindurch gehen bzw. fahren. Das nimmt man natürlich nur von aussen wahr. Gästepfarrer Oliver Gussmann erklärt und zeigt mir diese einzigartige Kirche. Sie wurde im hochgotischen Stil erbaut, ist dem Apostel Jakobus gewidmet und liegt am Pilgerweg von Dänemark nach Rom. Sie enthält viele Sehenswürdigkeiten, darunter die Heilig-Blut-Kapelle mit ihren Fenstergemälden und dem über zehn Meter hohen Heilig-Blut-Altar. Während man den prächtigen Hochaltar mit seinen Tafelbildern und geschnitzten Schreinfiguren nicht übersehen kann, muss man den Heilig-Blut-Altar schon eher suchen. Er ist am westlichen Ende des nördlichen Seitenschiffes über eine Treppe zu erreichen.

Der Altar wurde vom berühmten Bildschnitzer Tilman Riemenschneider geschaffen, um der verehrten Heilig-Blut-Reliquie einen würdigen Aufbewahrungsort zu geben. Zwei Engel halten das Reliquienkreuz in dessen Mitte sich eine Bergkristallkapsel befindet. Darin sind die «Blutstropfen Christi» und andere Reliquien verwahrt. Bemerkenswert am Riemenschneider-Altar ist die Darstellung des Abendmahls: nicht Jesus steht im Mittelpunkt, sondern Judas. Weshalb der Künstler die Anordnung so wählte, ist sein Geheimnis geblieben.

Rothenburg ob der Tauber, Heilig-Blut-Altar, Riemenschneider

Der berühmte Heilig-Blut-Altar von Schnitzer Riemenschneider in der St.-Jakobskirche.

 

TAG UND NACHT EIN ROMANTISCHER ORT

Die wohl berühmteste Ansicht der Stadt findet man an der Strassengabelung am Plönlein. Das kleine, gelb-orange Fachwerkhaus, vom hohen Siebersturm, dem niedrigeren Turm des Kobolzeller Tors und von hübschen Bürgerhäusern flankiert, ist ein beliebtes Sujet für Postkarten und Touristenfotos. Dass sich in dieser Gegend immer viele Besucher aufhalten, ist selbstverständlich. Dass sie aber auch nachts unterwegs sind, ist dem Nachtwächter zu verdanken. Diese Tour lasse ich mir natürlich nicht entgehen, denn die Wahrnehmung ist eine völlig andere.

Während ich also im nächtlichen Rothenburg unterwegs bin, fällt mir auf, dass ich einiges noch gar nicht bei Tageslicht gesehen habe. Der Burggarten, das hübsche Burgtor, die Kasematten... Und ausserdem möchte ich noch die Rossmühle, deren Mahlwerk einst durch Pferde angetrieben wurde, anschauen, die mächtige Zehntscheuer, die begehbare und überdachte Wehrmauer... Zudem «muss» ich in der Bäckerei Striffler «Schneeballen» kaufen, ein traditionelles Rothenburger Mürbeteiggebäck, das man aber stets in Kombination mit einem Getränk geniessen sollte. Vorzugsweise Kaffee. Und wie schon erwähnt: Ein Shopping-Stopp bei Käthe Wohlfahrt ist ein Muss... Jetzt kann Weihnachten kommen!

Rothenburg ob der Tauber, Siebertsturm

Die wohl berühmteste Ansicht von Rothenburg: Der Siebertsturm und das kleine, gelbe Fachwerkhaus. Rechts geht es weg zum Turm des Kobolzeller Tors.

Rothenburg ob der Tauber, Marktplatz, Nachtwächter

Treffpunkt am Marktplatz für die Tour mit dem Nachtwächter.

INFOS ZU ROTHENBURG ob der Tauber


ANREISE

Am einfachsten mit dem eigenen Auto in ca. vier Stunden Fahrt. Wer ÖV vorzieht, muss (ab Zürich) drei- bis fünfmal umsteigen und eine Fahrzeit von mehr als sechs Stunden in Kauf nehmen.


BESTE REISEZEIT
Rothenburg o.T. ist eine Ganzjahresdestination. Weihnachtsfreaks kommen das ganze Jahr über auf ihre Kosten – Käthe Wohlfahrt sei Dank. Das Kulturangebot ist das ganze Jahr über gross, vom «Meistertrunk» über den «Schäfertanz» bis zum Weinfest, das hier «Rothenburger Weindorf» genannt wird. Wer in der Gegend wandern oder radeln will, sollte sich die Zeit von Frühling bis Herbst aussuchen.

UNTERKUNFT
Akzent-Hotel Schranne, Schrannenplatz 6
91541 Rothenburg, Tel. +49 9861 955 00
www.hotel-schranne.de
Das Drei-Sterne-Hotel liegt in der historischen Altstadt, womit alle Sehenswürdigkeiten in kurzer Zeit gut zu Fuss erreichbar sind. Die Zimmer sind sauber, einfach eingerichtet und bieten den nötigen Komfort. W-LAN nur im öffentlichen Bereich. Das Barockhaus diente früher einer adeligen Familie als Wohnsitz und wurde von den heutigen Besitzern zum Hotel umgebaut.

RESTAURANTS
Reichsküchenmeister, im gleichnamigen Hotel, Kirchplatz 8
91541 Rothenburg, Tel. +49 9861 97 00
www.reichskuechenmeister.com
Hier wird eine währschafte, fränkische Hausmannskost geboten, aber auch das gehobene Niveau der Reichsküchenmeister gepflegt.

Glocke, im gleichnamigen Hotel, Plönlein 1
91541 Rothenburg, Tel. +49 9861 958 990
www.glocke-rothenburg.eu
Das Haus geht auf das Jahr 1227 zurück und bietet eine herrlich bodenständige Atmosphäre. Entsprechend ist die Küche durch und durch fränkisch. Und da ein Weinberg zum Haus gehört, werden auch fränkische Weine aufgetischt.

ADRESSEN
Rothenburger St.-Jakobs-Kirche
Kreuzung Klingengasse/Klostergasse
www.rothenburgtauber-evangelisch.de/jakobskirche/

Käthe Wohlfahrt – Weihnachtsdorf und Weihnachtsmuseum
Herrngasse, 91541 Rothenburg
www.weihnachtsmuseum.de

Historiengewölbe mit Staatsverlies
Lichthof Rathaus, 91541 Rothenburg
www.meistertrunk.de

Mittelalterliches Kriminalmuseum
Burggasse 3–5, 91541 Rothenburg
www.kriminalmuseum.rothenburg.de

Reichsstadtmuseum
Klosterhof 5, 91541 Rothenburg
www.reichsstadtmuseum.info

Nachwächterführung
Treffpunkt ist am Marktplatz, ohne Voranmeldung. Vor Ort sind pro Person sechs Euro zu bezahlen (englischsprachige Führung: sieben Euro). Der nächtliche Rundgang dauert ca. eine Stunde und findet das ganze Jahr über statt (ausser 24. Dezember).

Jüdische Kultur in Rothenburg o. d. T.
Eine wahrlich bewegte Geschichte, von der Hochblüte jüdischer Kultur im 13. Jahrhundert – der Talmud-Gelehrte Rabbi Meir ben Baruch lehrte damals in Rothenburg – über die völlige Vertreibung 1520 bis zur zaghaften Wiederansiedelung einiger jüdischer Familien und deren erneuter Vertreibung 1938. Gästepfarrer Oliver Gussmann hat sich eingehend mit der jüdischen Kulturgeschichte seiner Stadt beschäftigt. Er hat dazu ein Büchlein verfasst, das 11 Sehenswürdigkeiten beschreibt, die auf einem Spaziergang durch die Stadt zu entdecken sind. Nur für den Friedhofbesuch muss man traditionellerweise die Stadtmauern hinter sich lassen.

«Jüdisches Rothenburg ob der Tauber» von Oliver Gussmann, Verlag Medien und Dialog Klaus Schubert, ISBN 3-933231-22-1 Das Büchlein kann in jeder Buchhandlung bestellt werden und ist am Kircheneingang St. Jakob sowie in der Franziskanerkirche erhältlich.

ALLGEMEINE INFOS
Rothenburg Tourismus Service
Marktplatz 2, 91541 Rothenburg ob der Tauber
www.tourismus.rothenburg.de


© Text & Fotos: Inge Jucker | Travel-Experience.ch, der Schweizer Reiseblog

Dies ist Teil 4 meiner Reise durch Franken, welche vom Tourismusverband Franken und von RailTour unterstützt wurde.


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