Reykjavík – das Tor zu Island

Vom schwierigen Isländisch über erfundene Elfen und seltsam platzierte Walfangboote bis zu nordischem Design und rabenschwarzem Humor…

Verwirrend schön: La Harpa, das Konzertgebäude in Reykjavík.

Publiziert am 10. Juli 2013

Nein, wir landen nicht in Islands Hauptstadt Reykjavík, aber südwestlich auf dem Halbinselzipfel in Keflavík, der Flughafenstadt. Und als erstes lernen wir von Arthúr Björgvin Bollason, unserem isländischen Guide, Buchautor und Pressesprecher von Iceland Air, dass der Ort nicht Keflavík, sondern Keplavík ausgesprochen wird. Das fängt ja schon gut an mit diesem Isländisch...


Arthúr räumt auch gleich mit den Elfenmythen auf: Es sei alles nur Erfindung, um Touristen herzulocken. Echt?! Das ist irgendwie enttäuschend. Nun, es bleibt ja dem Besucher selber überlassen, was er in seine Wahrheit aufnimmt, und was nicht... Fest steht, dass im Stadtzentrum von Hafnarfjördur, das als Elfenhochburg bekannt ist, die Häuser rund um die Lavahügel gebaut wurden, weil diese angeblich von Elfen bewohnt werden. Na also! Doch Elfen!

Verrückt, aber pragmatisch
Während wir in unserem wifi-bestückten (!) Bus weiter Richtung Reykjavík fahren, erklärt Arthúr die Umgebung. Hier bringt man es beispielsweise fertig, rechts der Strasse ein Krankenhaus zu haben, das durch eine geschwungene Brücke mit dem Friedhof auf der linken Strassenseite verbunden ist. Sarkasmus macht sich breit – da sind wenigstens die Wege kurz...

Ganz schön pervers ist auch, dass am Hafen an ein und demselben Pier rechts die Walbeobachtungsschiffe starten und rechts die Walfangschiffe vertäut liegen. Das ist nur in Island möglich, genauso wie 2010 die Wahl des Komikers Jón Gnarr zum Bürgermeister von Reykjavík. Man bedenke, wie einflussreich dieses Amt ist: Knapp die Hälfte der Bevölkerung Islands lebt in der Hauptstadt! Als Gnarr mit seiner Partei «Besti Flokkurinn» (Die beste Partei) zur Wahl antrat, hielten das alle für einen Witz. Doch die Leute fanden wohl, er könne es auch nicht schlechter machen als die etablierten Parteien, die an der Finanz- und Existenzkrise ja nicht unschuldig waren. Sie gaben dem Neuling, der nicht in Korruptionsfälle verwickelt war, eine Chance.

Staubtrockenem und schwarzem Humor begegnet man in Island übrigens häufig. Als Beispiel folgender Witz der hier kursierte: «Lieber Gott: 2009 hast Du mir meinen Lieblingskünstler Michael Jackson und meinen Lieblingsschauspieler Mario Benedetti entrissen. Ich möchte Dir nur sagen, dass Finanzminister Steingrímur J. Sigfússon mein Lieblingspolitiker ist.» Oder: « Wissen Sie, wie man einen Finanzhai vorm Ertrinken bewahrt? Nein? Gut.»

«Bienenhaus» in nordischem Design
Weil sich das Wetter von seiner rauen, nassen Seite zeigt, fällt unser Stadtrundgang relativ kurz aus. Dafür besuchen wir die «Harpa», das Konzert- und Konferenzhaus etwas länger. Das Wahrzeichen von Reykjavík, dessen Fassade vom Künstler Ólafur Elíasson gestaltet wurde, ist zweifelsohne eine Attraktion. Die Aussenhülle besteht aus einer wabenartigen Struktur mit Farbeffektglas, das auf die wechselnden Tageslichtfarben reagiert. Je nach Witterung und Blickwinkel verändert sich die Farbe des Glases. Irgendwie bekommt man nie genug, sich die Fassade von aussen wie von innen anzuschauen. Zum Innenleben gehören ein grosser Konzertraum mit 1800 Plätzen, drei kleinere Konzerträume sowie ein Konferenzzentrum.

La Harpa von aussen. Je nach Witterung entstehen andere Farben in der Fassade

Alte Holzhäuser in der Altstadt von Reykjavík.

Die Domkirche.

Badespass in der Blauen Lagune (Bild: © Blue Lagoon).

Mini-Hamburger sind Kult - aber nicht von McDonalds. Den gibt es in Island nicht mehr.

Das Gourmet-Restaurant Lækjarbrekka.

Jetzt fehlt nur noch die kulinarische Erfahrung in Reykjavík. Die machen wir im Lækjarbrekka, dem angeblich besten Gourmetlokal der Stadt. Es ist in einem Wohnhaus aus dem Jahr 1834 zu finden, zu dem auch eine Bäckerei gehörte. In den 1960er-Jahren fing das Alter an, seine Spuren zu hinterlassen. Das Haus war fast auseinander gefallen, als man es unter Schutz stellte und 1980 mit der Renovation begann. Und so tafeln wir in angenehmer Wohnhausatmosphäre unter dem Dach.

Ein Vulkan zum Essen
Nach der Lachs-Vorspeise, wird als Amuse-bouche Puffin – Papageientaucher gereicht. Die Begeisterung hält sich allgemein in Grenzen, aber vermutlich eher angesichts des putzigen Vogels als des Geschmacks wegen... Dann folgen Lamm und Hummer mit Bratkartoffeln und Mischgemüse – sensationell gut! Beim Dessert kommt ein Zungenbrecher ins Spiel, der halb Europa flugtechnisch lahmlegte: Eyjafjallajökull, übersetzt Inselberggletscher – nicht etwa Vulkan. Der liegt nämlich unter dem Gletscher. Und auf dem Teller sieht das so aus: Erdbeermousse mit weissem Schaumkrönchen (Schnee) und roten Splittern (Lava), zudem Beeren und Islandmoos-Eischneestückchen. Auf jeden Fall isst sich diese herrliche Leckerei wesentlich einfacher als der Name auszusprechen ist. Er war während der Berichterstattung über den 2010 ausgebrochenen Vulkan ganz sicher der meistgehasste Name, der weltweit die Radio- und Fernsehsprecher ins Schwitzen brachte. Ein amerikanischer Moderator behalf sich mit der Abkürzung E-15: E für den Wortanfang, 15 für die restlichen Buchstaben. Egal, wir haben nach kurzen Sprachübungen den Vulkan, der auch ein Gletscher ist, ganz einfach vertilgt.

Eine andere Möglichkeit, den Abend genussvoll zu verbringen, ist die Blaue Lagune. Einerseits kann man hier im Lava Restaurant fein und leicht essen, andererseits in einem Thermalfreiluftbad planschen, das in einem natürlichen Lavabecken angesiedelt ist. Im Grunde genommen ist es das «Abfallprodukt» eines Geothermiekraftwerks, dessen abgekühltes Wasser in die umliegenden Lavabecken läuft. Die sich in den Becken ablagernde Kieselerde sorgt für die bläuliche Farbe und den Namen Blaue Lagune. Während des Bades kann man ein Bier geniessen oder ein Glas Wein und man sollte es auf keinen Fall verpassen, seinem Gesicht eine wohltuende Maske aus Kieselerdeschlamm zu gönnen. Vielleicht schaut man ja nachher zehn Jahre jünger aus? Und wenn nicht, so hat es doch viel Gelächter unter den weissgesichtigen Zombies gegeben...

Und damit auch noch unsere Unterkunft erwähnt sei: Übernachtet haben wir im Hilton Reykjavík Nordica, das eines der besten Hotels der Stadt sein soll. An der Einrichtung gab es nichts auszusetzen, aber ich fand das Einzelzimmer doch sehr klein und wusste kaum wohin mit dem Koffer. (Gut, für eine Nacht packt man natürlich auch nicht aus, sondern lebt aus dem offenen Koffer...) Doch das schmälerte das Vergnügen an Reykjavík in keiner Weise. Im Sommer sind die Nächte ohnehin sehr kurz. Dauernd wartet man darauf, dass es dunkel wird und die Schlafenszeit kommt – und plötzlich ist es Mitternacht, was man ohne Blick auf die Uhr gar nicht bemerkt hätte. Kleine Augen gehen am nächsten Morgen auf Erkundungstour...

Über die weitere Reise durch den südlichen Zipfel Islands berichte ich später in einem andern Beitrag. Für den Moment ist hier erst mal Schluss.


Iceland Air (www.icelandair.de) hat anlässlich des Erstfluges Zürich–Reykjavík eingeladen, das Land knapp unter dem Polarkreis zu erkunden. Ein herzliches Dankeschön an Arthúr Bollason, der uns humorvoll und unermüdlich Island zu erklären versuchte.




INFOS ZU REYKJAVÍK


ANREISE
Am bequemsten mit Iceland Air ab Zürich nonstop nach Reykjavík bzw. Keflavík. Iceland Air fliegt zweimal wöchentlich von Juni bis Mitte September (Verlängerung bis Oktober wird noch diskutiert.) Von dort geht die Reise je nach dem mit dem Mietwagen, Camper oder Bus weiter.

BESTE REISEZEIT
Der Sommer ist selbstverständlich am wärmsten und für Wanderungen und Biketouren am besten geeignet. Doch auch der Winter hat seinen Reiz...

UNTERKUNFT
Hilton Reykjavík Nordica, Sudurlandsbraut 2, Reykjavík, Tel. +354 444 500, www.hiltonreykjavik.com

RESTAURANTS
Lækjarbrekka, Bankastræti 2, Reykjavík, Tel. +354 551 4430, www.laekjarbrekka.is

Blaue Lagune – Bláa Lóni??
Grindavík 240, Reykjavík, Tel. +354 420 88 00, www.bluelagoon.com

BUCHTIPPS
Island – ein Reisebegleiter von Arthur Bollason, ISBN 978-3-458-35041-5

Und: Island, von Arthur Bollason, Polyglott-Verlag ApaGuide, ISBN 978-3-8268-1205-7.

ALLGEMEINE INFOS
www.visiticeland.com

 

Autorin und © Fotos: Inge Jucker, Travel-Experience.ch


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