Skibbereen: Liss Ard, der Ort für Sternstunden

In einer besonders verlockenden Ecke Irlands hat der Zürcher Roman Stern ein Refugium geschaffen, das Ferien mit Stil und Abwechslung garantiert.
Liss Ard Estate, Irland

Ganz schön romantisch: das viktorianische Haupthaus von Liss Ard Estate aus den 1850er-Jahren.

Publiziert am 30. Januar 2018

(Ursprüngliche Veröffentlichung: 10.3.2014)


Auf einem langen «Steinaltar» liegend sehe ich blauen Himmel, gerahmt von grüner Wiese – sonst nichts. Der Himmel wirkt nah und ich fühle mich klein wie ein Floh im Universum, gleichzeitig aber auch erfüllt und ganz auf mich zurückgeworfen. Kontemplation in Reinkultur. Und dies mitten in einem Kunstwerk von James Turrell, das sich in der Gartenanlage von Liss Ard Estate im südwestlichsten Zipfel Irlands befindet.


Doch von vorne. Ich bin in die Region West Cork gereist, um dieses Refugium der besonderen Art zu besuchen. Bereits während der Anfahrt über die holprige Strasse, die von Bäumen, riesigen Rhododendren und rot leuchtenden Fuchsien gesäumt wird, steigt die Spannung. Und da steht es, das romantische viktorianische Herrenhaus, das in den 1850er-Jahren erbaut wurde. Uralte Bäume, gepflegter Rasen, eine Holzbank und eine Wiese mit grasenden Schafen runden das romantische Bild ab. Das lasse ich mir gerne gefallen.

Liss Ard Estate, Irland, James Turell, Sky Garden Crater

Naturkunstwerk Sky Garden Crater des Künstlers James Turell.

Liss Ard Estate, Irland, aerial

Und so sieht das Anwesen mit eigenem See von oben aus.

Trotz moderner Inneneinrichtung – die rosse Renovation wurde 2011 abgeschlossen – fühlt man sich wie geadelt und in frühere Zeiten zurück versetzt, wenn man vor dem knisternden Kaminfeuer sitzt und stilecht einen irischen Whiskey geniesst. Andere Gäste kommen hinzu, welche die kleine Runde bereichern. Ein sportlicher Mittsechziger, seines Zeichens irischer Golfplatz-Designer, hat Liss Ard zufällig entdeckt und seine Gattin findet es hier zauberhaft. Eine alte Dame aus Kanada, sie war früher in höheren Chargen des Finanzministeriums tätig, weilt mit Freunden hier und besucht irische Familienangehörige. In der gemütlichen Stube bekommen wir Geschichten der Gegend erzählt, die bereits eine stattliche Anzahl Künstler, Musiker, Denker und Chaoten inspiriert hat. Um Liss Ard ranken sich spannende Geschehnisse – und die haben auch mit der Schweiz zu tun.

GEHEIMNISVOLLES IN SKIBBEREEN

Liss Ard war einst in Besitz des Schweizers Albert Bachmann bzw. einer seiner Tarnfirmen, genauso wie die Häuser und das Restaurant «Skibbereen Eagle» im nahe gelegenen Tragumna. Der chaotische Geheimdienstler – er soll Inspektor Clouseau geglichen haben – richtete eine Exilunterkunft für die Schweizer Regierung ein, sollte diese wegen kriegerischer oder atomarer Gefahren gezwungen sein, die Heimat zu verlassen. Aber: Das was SO geheim, dass nicht einmal der Bundesrat davon wusste! Als alles dennoch ans Tageslicht kam, hat man Oberst Bachmann 1980 in Frühpension geschickt. Daraufhin übersiedelte er in die Gegend von Skibbereen, wo er 2011 81-jährig gestorben ist.

Heute gehört Liss Ard der Familie des Zürcher Wirtschaftsanwalts Hermann Stern. Mit seinem Sohn Roman spaziere ich bei meinem ersten Besuch auf Liss Ard zum künstlerischen Highlight des Anwesens, zum «Sky Garden Crater». Roman hat sich 1999 eine Auszeit genommen und Liss Ard analysiert. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie man das in den vergangenen Jahren entstandene Kunstrefugium von James Turrell und ein paar Künstlerkollegen der Öffentlichkeit zugänglich machen und auch kommerziell nutzen könnte. Der Entwicklungsplan hat Zeit gebraucht und musste auch – nach jahrelangen Verhandlungen – von der Gemeinde abgesegnet werden. Erst elf Jahre später konnten die ersten Gäste empfangen werden.

Ihnen stehen nun sechs Zimmer und Suiten im Herrenhaus, neun neu geschaffene Zimmer in den ehemaligen Stallungen des Herrenhauses, zehn Gästezimmer in der Lake Lodge zur Verfügung. Im See Lough Abisdealy kann der Gast schwimmen und angeln und der riesige Garten lädt zum Spazieren und Entspannen ein. Liss Ard wird von der Familie Stern als Kunstprojekt gepflegt, in das viel Herzblut fliesst. Inzwischen hat Timo, der Bruder von Roman Stern, die Leitung des Anwesens übernommen.

Liss Ard Estate, Irland, Lake Lodge

Teil der Lake Lodge, die zu Liss Ard gehört, mit Sicht auf den See.

Liss Ard Estate, Irland, Lake Lodge

Modernes Schlafzimmer in der Lake Lodge.

 

BIOLOGISCHES GEMÜSE UND MUSIKGENUSS

Roman wie auch Timo Stern schwärmen mit vor Enthusiasmus leuchtenden Augen vom märchenhaften Garten, der mal bewusst etwas wilder, moosig und knorrig belassen, andernorts piekfein gepflegt ist. Ein keltisches Ringfort – darauf weist auch der Name Liss Ard hin – wurde in der Nähe des Haupthauses entdeckt. Die Archäologen gehen davon aus, dass Ringforts, gälisch auch Raths und Liss genannt, zum Schutz gegen Wölfe und Viehdiebe erbaut wurden, aber auch als Vorratslager dienten. Denn die meisten Ringforts wurden mit unterirdischen Räumen, sogenannten Souterrains ausgestattet.

Auf einem Teil des Grundstücks von Liss Ard Estate hielt vor wenigen Jahren die Universität Cork mit einer Forschungsstation zum Thema biologischer Anbau von Gemüse und Früchten Einzug. Darauf ist Roman Stern schon etwas stolz. Und dass die Musikfestivals, welche 1997 und 1998 stattgefunden haben, jetzt auch wieder regelmässig organisiert werden, freut ihn ebenso. Van Morrison musizierte hier schon, Oasis und Patti Smith ebenso. Neben Musik werden aber auch Literatur und ein «Theater of Food» geboten. Mit lokalen Spezialitäten und «slow food», das versteht sich von selbst.

Liss Ard, Suite, Herrenhaus

Unsere Suite im Herrenhaus von Liss Ard Estate – einfach wunderbar!

Liss Ard, Timo Stern, Irland

Timo Stern, Mitbesitzer und heutiger Direktor von Liss Ard, posiert auf dem Anwesen.

 

BEGEHBARE KUNST

Auf Umwegen haben wir inzwischen den Eingang zur Naturkunst von Turrell erreicht. Ein langer schmaler Tunnel führt durch die Kraterwand. Ganz hinten am anderen Ende leuchtet das Ziel, ein weisses Lichtrechteck. Auf geht’s! Das Dunkel umfängt einen, die Luft ist feucht und kühl, die Schritte widerhallen von den grauen Betonwänden. Unterwegs geht der Besucher unter einer Lichtinstallation durch, die das Gefühl vermittelt, man würde eine Abgrenzung passieren. Und am Ende des Tunnel kommt man nicht etwa geradewegs ins Licht, nein, es gilt, erst zwölf hohe Steinstufen zu bewältigen. Bereits auf halbem Weg beginnt sich das Bild vom Krater zu «entfalten», Stufe für Stufe wird mehr sichtbar.

Zuoberst angekommen bin ich vom Anblick überwältigt. Nur noch das Himmelsblau, das Grasgrün und ein altarartiger Steinquader sind zu sehen. Die Luft scheint stillzustehen, kein Laut dringt in den Krater. Eine andere, in sich gekehrte Welt hat James Turrell hier aus Stein und Erde geschaffen. Wer nachts hier her kommt, erlebt echte Sternstunden. Kein Wunder zieht der Krater, der wie ein Grossteil des Gartens von Liss Ard Estate öffentlich zugänglich ist, viele Besucher an. Wieder durch den Tunnel zurück in der normalen Welt, freue ich mich am Vogelgesang. Er scheint lauter zu sein als vorher... Und mein knurrender Magen weckt Vorfreude aufs Abendessen in Liss Ard – erntefrisch und selbstverständlich von lokalen Bauern und Märkten stammend. Wohl bekomm’s!

Skibbereen, The Church Restaurant, Irland

Ungewöhnlich: The Church Restaurant, tatsächlich in einer alten Kirche eingerichtet.

Bushe Bar, Baltimore, Irland

Ursprünglich: The Bushe Bar in Baltimore – da gibt es leckere Krabbenbrötchen!

Castletownshend, Irland

Typisch irisch: Castletownshend.

INFOS ZU LISS ARD


ANREISE
Mit Swiss von Zürich nach Dublin und von dort mit dem Mietauto in 4 Stunden nach Skibbereen. Oder, ebenfalls mit Swiss, nach Cork und von dort mit dem Auto in 1 1/2 Stunden nach Skibbereen.

MIETWAGEN
Wir haben bei unserer zweiten Reise den Wagen bei Sunnycars gemietet, und sind – nicht zum ersten Mal – sehr gut damit gefahren. Alle Versicherungen sind im Preis schon inbegriffen.
www.sunnycars.ch

UNTERKUNFT
Liss Ard Estate, Castletownshend Road, Skibbereen, www.lissardestate.com

RESTAURANTS
The Church Restaurant, Skibbereen:
Meeresfrüchte und mehr in einzigartigem Kirchenambiente. www.skibbereen.ie
Bushe’s Bar, Baltimore: Der Chef tischt gute und preiswerte Krabbensandwiches auf. www.bushesbar.com
Mary Ann’s Pub, Castletownshend: Das Lokal ist eine Institution! Gutes Essen (Meeresfrüchte), gute Atmosphäre, nicht ganz günstig, aber den Besuch alleweil wert. www.ireland.com
Glandore Inn, Glandore: Z. B. leckere Moules et Frites zu genialer Aussicht über die Bucht. www.theglandoreinn.com

SEHENSWERTES
Steinkreis von Drombeg:
Weil er so gut erhalten ist, stellt der Steinkreis von Drombeg eine Seltenheit dar und zählt zu den meistbesuchten Orten der Megalithkultur in Irland. Ausser dem Steinkreis sind Mauerreste von Rundhütten vorhanden. Das Gelände nahe von Glandore ist frei zugänglich.
Castletownshend: Beachtenswert sind die Glasfenster der Kirche St. Barrahane, der kleine Hafen sowie Mary Ann’s Pub. Und wo stehen schon zwei Platanen mitten in der Hauptstrasse?! Halb auf dem Trottoir fahrend muss man sie umkurven.
Skibbereen: Die quirlige Kleinstadt lädt zum Bummeln und Beobachten ein. Sehenswert: der Farmers’ Market, der im Sommer jeden Samstag stattfindet. Bauern und (Kunst-)Handwerker bieten hier ihre Produkte an.
Cork: Ein Muss ist der English Market. Alles, was die Region und das Meer an Essbarem liefern, wird in diesem historischen Markt angeboten – und noch ein paar Dinge mehr... Für Shoppingfreaks eignen sich St. Patrick’s Street und Umgebung.

PUBS & BARS MIT LIVEMUSIK IN SKIBBEREEN
The Corner Bar – traditionelle Sessions und singers nights
37 Bridge Street
www.facebook.com/pg/Thecornerbarskibb/about/

Annie Mays Bar – traditionelle Sessions
11 Bridge Street
www.anniemays.ie

Cahalanes Bar – zweimal pro Woche Livemusik
20 Bridge Street

The Tanyard – während der Hochsaison jeden Tag Livemusik
Main Street


Noch mehr Musik
Wer via Dublin reist, sollte unbedingt a) dort einen Aufenthalt einplanen und b) abends ins Oliver St. John Gogarty's (58/59 Fleet Street, Dublin, www.gogartys.ie) reinhören.

Für Reisende via Cork lohnt sich ein Aufenthalt in der Stadt, um im The Oliver Plunkett Pub (116 Oliver Plunkett Street, www.theoliverplunkett.com) für einen musikalischen Abend einzukehren.

ALLGEMEINE INFOS
www.discoverireland.com


Die ursprüngliche Reportage entstand mit Unterstützung von Ireland Tourism und Liss Ard Estate. Unsere zweite Reise führte uns im privaten Rahmen nach Liss Ard, wo wir lediglich für die Übernachtungen eingeladen waren.

© Text & Fotos: Inge & Heinz Jucker | Travel-Experience.ch

Die Reportage wurde in verkürzter Form auch in der SonntagsZeitung veröffentlicht.
Die aktualisierte Reportage wurde in anderer Form in der Reisebeilage des Migros-Magazins veröffentlicht (>>> zum PDF).


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