Dublin: Kunterbunt wie ein Regenbogen

Vorsicht, Dublin macht süchtig. Nicht wegen der Nadel, die eine der breitesten Strassen Europas ziert, sondern weil die Stadt vor Unterhaltungswert nur so strotzt.

Rauschende Party zu Livemusik im Pub Oliver St. John Gogarty.

Publiziert am 28. März 2013

 

In einer Ecke des Merrion Square folgt jeden Tag ein Fototermin auf den anderen, sogar bei Regenwetter: Junge Damen lassen sich zusammen mit dem Dandy der Stadt ablichten oder drücken selber auf den Auslöser. Lässig räkelt sich Oscar Wilde auf einem Granitfelsen, den Blick aufs elterliche Wohnhaus gerichtet, den Mund zu einem ironischen, leicht schmerzlichen Lächeln verzogen. Die Skulptur, aus sechs verschiedenen Materialien geformt, wirkt beinahe so bunt wie der Lebensstil, den der Schriftsteller Mitte des 19. Jahrhunderts geführt hat. Er war eben der Dandy der Dichter und übt heute noch Anziehungskraft auf die Damenwelt aus. Obwohl er homosexuell war. Die Italienerin, die sich eben in Pose wirft, kümmert das nicht, sondern zeigt helle Begeisterung. Wir schmunzeln.

Dublin hat viele berühmte Literaten und Musiker hervorgebracht. Während die neuzeitlichen Schreiber nicht ganz so weltbekannt sind wie Oscar Wilde, James Joyce und William Butler Yeats, verhält es sich mit den Musikern eher umgekehrt: Wer kennt beispielsweise nicht Chris de Burgh und Sinéad O’Connor?! Beide haben hier die Schulbank gedrückt, am Trinity College studiert, und sie wohnen immer noch – oder wieder – ganz in der Nähe von Irlands Hauptstadt.

DICHTER-DUBLIN FÜR TRINKFESTE
Doch im Gegensatz zu den heutigen Prominenten der Stadt ist es viel einfacher, den Spuren der schreibenden «Altstars» durch Dublin zu folgen. Und dies nicht nur an Bloomsday, dem 16. Juni, wenn alljährlich der Tag gefeiert wird, an dem der James-Joyce- Romanheld Leopold Bloom durch Dublin irrte. Dann ist die Stadt erfüllt von historisch gekleideten Joyce-Jüngern, die mit einer «Ulysses»-Ausgabe unterm Arm durch die Pubs streunen.

Aber auch an jedem anderen Tag des Jahres lässt sich Dublin buchstabengetreu erobern. Dass eine literarische Stadtführung oft feucht-fröhlich endet, liegt daran, dass viele Schriftsteller äusserst trinkfreudig waren und sich entsprechend gerne in Pubs herumtrieben – immer auf der Suche nach dem Kuss der Muse. Brendan Behan («The Hostage – Die Geisel») sagte: «Ich bin ein Trinker mit einem Schreibproblem…» Und nicht nur auf ihn würde der Nachruf – vom «Daily Express» 1964 veröffentlicht – zutreffen: «Zu jung, um zu sterben, aber zu betrunken, um zu leben.»

Ich entscheide mich fürs pralle Leben, wenngleich dazu auch ein launischer Himmel gehört, der die Stadt zu jeder Jahreszeit überspannt und dessen regenschwere Wolken immer wieder ihre nasse Fracht auskippen. Doch darum scheren sich die «Dubs» keinen Deut. Sie gehen – als wären sie imprägniert – weiter ihres Weges, während die Touristen in Scharen unterm Merchants Arch warten, bis sie wieder halbwegs trocken über die Halfpenny Bridge oder durchs Temple-Bar-Quartier kommen.

TOURISTEN MIT HÖRNERN
Dauert der unerwartete Regenguss etwas länger, wählt man besser die Richtung Temple Bar und bringt sich in einem der Pubs in Sicherheit. Oder in einem Museum oder in einer Kirche – oder in beidem. Denn Dublinia, das Wikinger-Museum, befindet sich in einem Nebengebäude der Christ Church. So macht ein Kirchenbesuch Spass: Kinder und Erwachsene streifen durch die mehrstöckige, multimediale Ausstellung, lesen Tafeln, beantworten Fragen, finden ungewöhnliche Lösungen – und landen zu guter Letzt im Souvenirshop. Hier muss für den inzwischen zu Klein-Wiki mutierten Spross ein Wikinger-Helm gekauft werden. Daran führt kein Bubenwunsch vorbei.

Um das Wiki-Abenteuer komplett zu machen, bietet sich eine Tour mit dem Amphibienfahrzeug von Viking Splash an. Untermalt von Gebrüll à la Wiki und Hägar, das schon so manchen eben angekommenen Besucher erschreckt hat, geht es durch die Strassen und zum Schluss durchs Gewässer der Stadt. Womit wir an der Liffey angelangt sind. Sie teilt Dublin in den früher eher ärmlichen Arbeiter-Norden und den besser situierten, intellektuellen Süden. Heute sind die Unterschiede nicht mehr so augenfällig, aber sie sind noch vorhanden. Doch selbst darüber machen die Iren Witze: «Warum heiratet eine Dublinerin von der Südseite einen Mann von der Nordseite? » Antwort: «Um ihre Handtasche zurückzubekommen!»

MODERN UND PARTYERPROBT
Nicht gerade gespart wurde bei der Modernisierung der O’Connell Street, in deren Mitte das Wahrzeichen der Stadt den Himmel ritzt: The Spire – die nachts beleuchtete Edelstahlnadel, die von den Dubs augenzwinkernd «Stiletto in the Ghetto» genannt wird. Am Fuss der Nadel hängt abends junges Volk herum. Davon hat Dublin ja eine ganze Menge, schliesslich ist etwa die Hälfte der Bevölkerung noch keine 30 Jahre alt. Einige der Teens und Twens ziehen von dort nach Osten weiter in den modernen und boomenden Stadtteil in den Docklands, andere stöckeln ins südlich gelegene Temple-Bar-Quartier, wo sich eine Party an der anderen feiern lässt.

Entsprechend ausgestorben und verschlafen wirkt dann Temple Bar am Vormittag… Erst gegen Mittag macht sich das Leben wieder bemerkbar, und das einstige Handwerkerviertel kehrt wieder den Schmelztiegel der Stadt heraus. Apropos kehren: In keiner anderen Stadt habe ich so viele bürstenbewehrte Strassensäuberungsmaschinen entdeckt wie in Dublin. Vormittags wird lautstark geputzt und angeliefert, danach das Geschäft angekurbelt.

ALT NEBEN COOL
Doch zurück zu Temple Bars Vielfältigkeit: Zu den altehrwürdigen Pubs, in denen irische Volksmusik gespielt wird, gesellen sich moderne, schrille Discos mit ebensolchen Klängen; neben dem gemütlichen Künstlerladen glänzt eine coole Secondhand-Boutique, und was sich tagsüber als kunterbunter Markt in einem Innenhof gibt, wird abends zum Szenetreff und Openair-Kino. Entsprechend bunt gemischt ist das Publikum – vom Rucksacktouristen bis zum Paradiesvogel in High-heels ist alles anzutreffen. Was das Kulinarische anbelangt, sind die Zeiten vorbei, als man eher verhungern wollte, als Irish Stew essen zu müssen. Natürlich bekommt man die Nationalspeise nach wie vor serviert, doch der wirtschaftliche Aufschwung hat auch dafür gesorgt, dass heute die Küchen international dampfen, von italienisch über kreolisch bis asiatisch.

Ein berühmtes Fotosujet: die Halfpenny Bridge.

Verwinkelt: die Christ Church.

Im Bad Ass soll mal Sängerin Sinéad O'Connor serviert haben. Die Kneipe ist berühmt für unhöfliches Personal.

Das Dublin Castle mit der Wiese, die den Pond, den «schwarzen Tümpel», symbolisiert, die hier mal gewesen sein soll.

Filip Vanas posiert in seinem Atelier im Project51 mit seinem Designschmuck.

Die Wall of Fame in Dublins Altstadt.

FLIRTEN UND SHOPPEN
Das stets überlaufene Gelände des Trinity College wirkt trotz des Gewusels gemütlich. Die Stimmung ist locker, es wird posiert und fotografiert, und das Geplapper der Studenten auf Führungsrundgang erfüllt die Luft. Kaum jemand ist in Eile. Allenfalls zielstrebig – im Erreichen des Eingangs zum Gebäude, welches das schönste Buch der Welt beherbergt: das Book of Kells. Es wirkt wie ein Magnet, macht süchtig. Wer eine Seite gesehen hat, will weitere bestaunen können. Von Zeit zu Zeit wird eine Seite umgeblättert, gibt das Kunstwerk frühmittelalterlicher Buchmalerei und keltischen Designs zwei weitere Illustrationen preis.

Viele der Menschenknäuel, die aus dem Haupttor des Trinity College herausquellen, bewegen sich Richtung Grafton Street – eine weitere Sehenswürdigkeit Dublins. Eingangs der Strasse ist aber erst einmal Fotostopp angesagt. Denn kaum jemand kommt an der fast barbusigen Molly Malone vorbei. Wer keine Augen hat für das Denkmal der Fischhändlerin aus dem oft gesungenen Volkslied «In Dublin’s fair city, where the girls are so pretty, I first set my eyes on sweet Molly Malone... », der sollte zumindest einmal hinschauen, welche komischen Käuze ihr denn so zu Füssen liegen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit hocken dort zwei, drei schräge Vögel, Dubliner Originale halt, die immer für einen deftigen Spruch zu haben sind und mit den sweet girls – ob aus Dublin oder nicht – unverbindlich einen kleinen Flirt wagen.

Hat man Molly Malone und ihre Bewunderer passiert, liegt das Einkaufsparadies direkt vor der Nase. Wer diese aber nicht in Warenhäuser und Boutiquen stecken möchte, hat hier trotzdem Unterhaltung (dies als Hinweis für Ehefrauen begleitende Männer): alle paar 20, 30 Meter trifft man auf einen zaubernden Strassenkünstler, eine «lebendige Statue» in Gold oder gar eine ausgewachsene Band, die für mitreissenden irischen Sound sorgt.

DUNKEL WIE GUINNESS
Wir spazieren weiter zum Dublin Castle. Wie fast alle Highlights der Stadt ist es zu Fuss in 15 Minuten erreichbar. Ausserdem ist es der Ort, der Dublin den Namen gab: Hinter der Burg befindet sich ein Garten mit einer kreisrunden Wiese, an deren Stelle früher ein «Dubh Linn» (irische Bezeichnung für «schwarzer Tümpel») war. Hier geben Ruhe und Beschaulichkeit den Ton an, und kaum verziehen sich die Wolken, finden sich auch schon Pärchen und Leseratten ein, die auf der Wiese ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen.

So dunkel wie der Tümpel beim Castle einmal gewesen sein mag, ist heute das berühmte Bier, das Guinness, das seit über 250 Jahren in Dublin gebraut wird. Am allerbesten schmeckt es nach der interessant und spektakulär aufbereiteten Bier-Tour zuoberst im Guinness-Turm. Wer es bis hierher schafft, braucht nur etwas Geduld, denn bis das «schwarze Gold» im Glas ist braucht es seine Zeit. Gratis zur Wartezeit und dem Guinness gibt es den Panoramablick über die Stadt.

INFOS ZU DUBLIN

ANREISE
Mit Swiss oder Aer Lingus nonstop von Zürich nach Dublin.

BESTE REISEZEIT
Während der Sommermonate ist Dublin am angenehmsten, doch die verhältnismässig milden Wintermonate haben ebenfalls ihren Reiz.

UNTERKUNFT
La Stampa, No. 35-36 Dawson Street, www.lastampa.ie: Die Zimmer des Boutique-Hotels sind je nach Kategorie unterschiedlich eingerichtet: Französische Renaissance lässt grüssen, ein wenig Fernost und Marokko ebenso. Ein ausgefallenes Hotel an guter, zentraler Lage – alle Sehenswürdigkeiten sind zu Fuss erreichbar.
The Shelbourne, 27 Stephen's Green, www.marriott.com: Das Fünf-Sterne-Haus ist von historischer Bedeutung und bietet den Gästen Ahnenforschung an. Wer allenfalls nach seinen irischen Wurzeln sucht, ist hier richtig.

VERKEHRSMITTEL
Zu Fuss ist man am besten unterwegs, für weitere Strecken nimmt man die grünen Stadtbusse und den Vorortzug DART. CityTour-Busrundfahrt: Dublin Bus Office, 59 Upper O’Connell Street, www.dublinsightseeing.ie Oder: Dublin Tourism, Suffolk Street.

ADRESSEN
Dublin Castle, Dame Street, www.dublincastle.ie;
Dublinia, St. Michael’s Hill, www.dublinia.ie;
Guinness Storehouse, St. James’ Gate, www.guinness-storehouse.com;
The Old Jameson Distillery, Bow Street, Smithfield, www.jamesondistillery.ie;
Book of Kells im Trinity College, www.tcd.ie/library

RESTAURANTS/PUBS
The Bank on College Green, 20 College Green, www.bankoncollegegreen.com: Gut und preiswert isst man hier über Mittag. Für zehn Euro bekommt man «Soup & Chicken Sandwich» (2 Pouletbrüste!). In der viktorianischen Haupthalle der ehemaligen Belfast Bank befinden sich die besten Plätze auf der kleinen Empore.
Rustic Stone, South Geroge’s Street, www.rusticstone.ie: Verführerische, ausgefallene Kombinationen, stets frisch zubereitet, mal in eisgekühlter Schale, mal auf dem heissen Stein aufgetischt.
Eden Restaurant, Meeting House Square, www.edenrestaurant.ie: Mit Blick in die Küche lässt sich im modern und luftig eingerichteten Eden im Temple-Bar-Quartier tafeln. Zeitgemäss zubereitete irische Gerichte zählen zu den Spezialitäten.
The Temple Bar, 47/48 Temple Bar;
Oliver St. John Gogarty, Ecke Fleet Street/Anglesea Street, www.gogartys.ie

SHOPPING
The Irish Celtic Store, Nassau Street und 64 Dame Street, Tel. +353/1/672 52 00, www.theirishcelticstore.ie: keltischer Schmuck in allen Preislagen.
The Celtic Whiskey Shop, 27–28 Dawson Street, Tel. +353/1/675 97 44, www.celticwhiskeyshop.com: Alles, was das Herz des Whiskey-Liebhabers höher schlagen lässt.
Celtic Note, 14-15 Nassau Street, Tel. +353/1/670 41 57, www.celticnote.com: Das beste Angebot an irischer Musik.
Avoca, 11-13 Suffolk Street, Tel. +353/1/677 42 15, www.avoca.ie: Wer noch kein Mitbringsel gefunden hat, ersteht es hier: Handgemachtes steht in diesem Warenhaus hoch im Kurs, hat aber auch seinen Preis. Im Soussol Lebensmittel.
Sweny’s, 1 Lincoln Place (neben West Coast Coffee): Wer auf den Spuren von James Joyce wandelt, findet hier ein tolles Souvenir: Die Zitronenseife, von der Leopold Bloom für eine Frau kaufte, gibt es noch immer zu erstehen.
Project 51, 51 South William Street, Tel. +353/1/679 5551, www.project51.ie: Schmuck, Kleider und Accessoires von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die vor Ort ein kleines Atelier betreiben.

BUCHTIPPS
«Dublin, eine Stadt in Biografien» von Ralf Sotscheck, aus der Reihe Merian Porträts (ISBN 978-3-8342-1363-1): 20 berühmte Persönlichkeiten führen den lesenden Besucher durch Dublin... Die ausführliche Beschreibung ist bei den Buchtipps zu finden.

«Dublin» von Merian live! (ISBN 978-3-8342-1221-4) mit Stadtplan zum Herausnehmen.

«Dublin – Ein Reisebegleiter» von Hans-Christian Oeser, Insel Verlag (ISBN 978-3-458-34814-6): Amüsante, literarische Stadtrundgänge!

INFOS
Tourism Ireland, Tel. 044 210 41 53, www.tourismireland.com
Ausserdem: www.ireland.com

Dublin Tourism Centre, Suffolk Street, Tel. +353/66/979 20 83, www.visitdublin.com

 

Diese Reise wurde unterstützt von Tourism Ireland und Dublin Tourism.


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