Krakau, die faszinierende Schlaflose

Eine Reise durch jüdische und andere Geschichte, durch fast alle Architekturstile und ein Salzbergwerk – die in heftigem Muskelkater endet.
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Der Hauptplatz Rynek Glowny bildet das Herz der Krakauer Altstadt. Hier trifft man sich und hat auch gleich viele Sehenswürdigkeiten an einem Ort vereint.

Publiziert am 19. Juli 2017

Man sagt, die Stadt schlafe nie, und das hat Krakau wohl seinen 200 000 Studenten zu verdanken, die etwa einen Viertel der Einwohner ausmachen. So wundert es auch nicht, dass es hier viele Jazzclubs und Kneipen gibt. Einige davon sind im Jüdischen Viertel (Kazimierz) zu finden, das früher eine eigenständige Stadt war, aber heute zu Krakau gehört. Dieser Teil der Stadt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut und renoviert. Vor 1939 gab es hier etwa 68 000 jüdische Einwohner, heute sind es vielleicht noch ein paar Hundert.

SCHINDLERS LISTE

An den Originalschauplätzen in Kazimierz drehte Steven Spielberg seinen Film «Schindlers Liste». Wer sich für dieses Thema interessiert, sollte unbedingt die Emaillefabrik von Oskar Schindler in der ul. Lipowa 4 besuchen. Sie beherbergt heute – neben der Ausstellung zu Schindlers Liste – eine Abteilung des Historischen Museums der Stadt Krakau, welche der Stadtgeschichte in den Jahren 1939–1945 gewidmet ist. Ausserdem ist in der Alten Synagoge in der ul. Szeroka 24 ein Museum für jüdische Geschichte und Kultur eingerichtet. Auch die Konzentrationslager Plaszow, Auschwitz und Auschwitz-Birkenau können besichtigt werden.

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In Kazimierz befindet sich das hübsch renovierte Judenviertel mit seinen vielen Restaurants (nicht alle bieten koschere Küche).

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Das Café Singer ist mit seinen alten Singer-Nähmaschinentischchen ein Eye-catcher.

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Wo der Turmbläser der Marienkirche zu sehen ist, befindet sich auch eine Tafel, die erklärt, wie man zum virtuellen Trompeter wird (l.). In einer Ladengalerie am Hauptmarkt trifft alte Architektur auf neue (r.).

In den letzten Jahren hat sich Kazimierz in DAS Ausgehviertel von Krakau gewandelt. Auch wir sind dort unterwegs und tafeln im Restaurant Plac Nowy 1, dessen Name auch gleich die Adresse verkündet. Ein quirliger Platz, in dessen Nähe auch das Café Singer zu finden ist. Die Besonderheit an diesem Café sind die Tische: Es handelt sich um alte Singer-Nähmaschinentische.

ARCHITEKTUR & EINE PÄPSTLICHE PARKBANK

Seit dem Einfall der Tataren unter Dschingis Khan im 13. Jahrhundert ist Krakaus Altstadt nie wieder zerstört worden. Dies ist der Grund, dass hier Bauten aller Epochen seit Romanik und Gotik zu finden sind; so aus Renaissance, Barock, Jugendstil und Neogotik. Ein Glück, dass die Industrialisierung ausserhalb der Stadtmauern stattgefunden hat und relativ wenige Bausünden begangen worden sind.

Die Stadtmauer wurde in einen rund vier Kilometer langen Grüngürtel verwandelt, welcher die Altstadt umrundet. In diesem Planty habe ich die Karol-Wojtyla-Parkbank entdeckt, auf die sich der Erzbischof oft gesetzt haben soll, bevor er zum Papst – Johannes Paul II. –gewählt wurde. In Krakau kann man natürlich auch geführt auf des Papstes Spuren wandeln.

Der grosse, mittelalterliche Hauptmarkt (Rynek Glowny) mit den berühmten Tuchhallen, dem Rathaus und der Marienkirche ist fast rund um die Uhr ein Anziehungspunkt. Hier starten die Pferdekutschen und zu jeder vollen Stunde spielt auf dem Turm der Marienkirche ein Feuerwehrmann auf seiner Trompete in alle vier Himmelsrichtungen. In den Strassen, die zum Hauptmarkt führen befinden sich viele Shops, teilweise auch ganze Ladengalerien.

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Durch das Florianstor treten wir in die Altstadt von Krakau ein.

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Die Florianska-Strasse, eine der Einkaufsmeilen der Stadt, führt direkt zum Hauptmarkt Rynek Glowny.

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Am Hauptmarkt kann man eine Pferdekutschenfahrt durch die Stadt unternehmen, flanieren und dem Turmbläser der Marienkirche lauschen.

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Im Park, der anstelle der ehemaligen Stadtmauer die Altstadt umringt ist eine berühmte Parkbank zu finden, nämlich jene von Karol Wojtyla, Papst Johannes Paul II.

DER WAWEL UND DER ADEL

So wie die Altstadt zählen auch die Wawel-Kathedrale und das Königsschloss zum UNESCO-Weltkulturerbe. Während die Marienkirche als Wahrzeichen der Stadt gilt, ist die über tausendjährige Kathedrale das Nationalheiligtum und Krönungs- bzw. Grabstätte von Königen und Bischöfen.

Zu den Königen und Adligen habe ich bei Wikipedia eine interessante Textpassage gefunden, die ich hier im Originalwortlaut weitergeben möchte: «Unter Kasimir IV. Jagiello blühte Krakau während der Spätgotik auf. Von den zahlreichen Kindern des Ehepaares – seine Frau Elisabeth von Habsburg wurde ‹Mutter der Jagiellonen› genannt – wurden allein vier Könige; sieben weitere bekleideten wichtige Kirchenämter oder heirateten in meist deutsche Adelsgeschlechter ein. Als Folge davon sind fast alle gegenwärtigen europäischen Monarchen mit Kasimir IV. und Elisabeth verwandt.» Tja, wer hätte DAS gedacht...! Der Wawel ist also definitiv auch einen Besuch wert.

IM SALZBERGWERK WIELICZKA

Ebenfalls seit 1978 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählend, befindet sich 15 Kilometer ausserhalb Krakaus das Salzbergwerk Wieliczka. Dieses Abenteuer, das sehr weit unter den Boden führt, lasse ich mir nicht entgehen! Die ersten Stufen führen durch einen Schacht, vergleichbar mit einem engen Treppenhaus. Es sind 378 Stufen bis auf Sohle 1 hinunter, auf 64 m Tiefe. Meine Knie fühlen sich etwas schwabbelig an, aber das vergeht rasch wieder. Wir spazieren durch Gänge und Kammern, sehen Salzblöcke, die zu Walzen geformt, transportfähig sind, und ab und an kommen weitere Stufen hinzu.

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Wir sind durch die ganze Altstadt spaziert, bis wir auf dem Wawel, dem Schlosshügel angekommen sind. Linkerhand (nicht mehr im Bild) steht das Nationalheiligtum der Polen, die Wawel-Kathedrale.

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Im Arkadenhof des Wawelschlosses entdecken wir ganz oben unterm Dach bunte Fresken. Die Säulen und Dachziegel sollen einst vergoldet gewesen sein.

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Die Kapelle der Heiligen Kinga, die 1896 eingerichtet wurde, ist für mich der Höhepunkt des Spaziergangs durch die Salzmine Wieliczka. Alles ist aus grünem Salz!

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Sogar die Kronleuchter bestehen auls Salz (l.). Beeindruckend auch die Kammer Michalowice (r.). Sie ist 35 m hoch und mit Holzbalken kunstvoll abgestützt.

Aus einem grünen Salzblock wurde die Kammer des Nikolaus Kopernikus ausgehöhlt. Der Astronom soll die Salzmine 1493 besucht haben. Die unterirdische Kapelle des Heiligen Antonius haben die Bergleute selber gebaut, denn ihr Beruf war sehr gefährlich. Zur Kammer Pieskowa Skala führen weitere Stufen auf 90,7 m hinunter. Hier sind die Einrichtungen des manuellen Salztransports rekonstruiert worden. Eine Gruppe Zwerge aus Salz ziert den Füllort Kunegunda – unweigerlich kommt mir der Zwergenmarsch aus «7 Zwerge – Männer allein im Wald» in den Sinn...

EINE HALLE AUS SALZ & EIN MUSKELKATER

Am faszinierendsten finde ich aber eindeutig die Kapelle der Heiligen Kinga. Der Raum ist riiiesig – mehr als 54 m lang, zwischen 15 und 18 m breit und 10 bis 12 m hoch! Und man stelle sich einfach vor, dass sich dieser Saal 101,4 m unter dem Boden befindet und alles aus grünem Salz besteht! Sogar die Kronleuchter sind aus Salzstücken und geben zu allerlei Fotoideen Anlass. Für die Ausstattung der Kapelle benötigten die Bergmänner-Bildhauer mehr als 70 Jahre. Kein Wunder! Da sind mehrere Salzflachreliefs zu sehen, die umso plastischer wirken, je weiter man sich von ihnen entfernt. Besonders gefallen hat mir «Das letzte Abendmahl» von Antoni Wyrodek.

Dieser Saal ist zwar für mich der Höhepunkt, aber den tiefsten Punkt unserer Führung haben wir noch nicht erreicht. In der Kammer Michalowice sind wir schon auf 108,8 m unter Tage. Hier beindrucken die Abstützelemente und die Höhe der Kammer: 35 m hoch ist sie. Brücken und Galerien bewundern wir in der Kammer Drozdowice, 110,6 m tief im Erd- bzw. Salzreich. Und um es kurz zu machen: In der Kammer Izabela auf Sohle III sind wir mit 136 m am tiefsten Punkt, der für Besucher zugänglich ist, angelangt.

Wir haben fast 800 Stufen in den Knien (was sich übrigens am nächsten Tag in höllischem Muskelkater als Souvenir zurückmeldet), und müsste ich den ganzen Weg an die Erdoberfläche zurücksteigen... Nicht auszudenken! Umso glücklicher lasse ich mich von einem Bergwerkslift, der mit einem fahrenden Gitterkäfig zu vergleichen ist, in relativ kurzer Zeit ans Tageslicht hinauf tragen. Wow! Das war jetzt echt beeindruckend!

Krakau hat ganz viele gute Erinnerungen hinterlassen, auch wenn die Reise ultrakurz war. Ein guter Grund, um eines Tages zurück zu kehren. Und ich verstehe auch nicht ganz, weshalb ich vorher Krakau so gar nicht auf meiner touristischen Landkarte hatte...


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«Das letzte Abendmahl», nach einem Fresko von Leonardo da Vinci vom Künstler und Bergmann Antoni Wyrodek angefertigt, beeindruckt alle Besucher der Salzmine Wieliczka. Das Flachrelief aus grünem Salz ist in der Kapelle der Heiligen Kinga zu finden und wirkt unglaublich dreidimensional – dabei ist es nur 17 cm tief!

Polen, Krakau, Dachterrasse, Hotel Stary

Aus der Tiefe der Salzmine in die luftigen Höhen auf der Dachterrasse des Hotel Stary. Hier den Sonnenuntergang und die Aussicht über die Stadt mit einem Drink zu feiern, ist schon fast ein Muss.

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Irgendwo in der Altstadt habe ich dieses kätzische Schaufenster entdeckt – ein x-faches Miau... (l.). Diese hübsche Wandverzierung habe ich am Haus Nummer 11 in der ul. Kanonicza entdeckt (r.).

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So hat mein Zimmer im Hotel Andel's by Vienna House in Krakau ausgesehen. Das Hotel hat eine gute Lage, nahe der Altstadt.

 

INFOS ZU KRAKAU


ANREISE
Wir sind mit SWISS von Zürich nach Krakau geflogen.

BESTE REISEZEIT
Wie mir die Gästeführerin erzählt hat, ist in Krakau die Luft im Winter kaum auszuhalten. Zu viele alte Öfen verpesten die Luft. Die Stadt ist zwar daran, die alten Heizungen zu ersetzen, aber das braucht seine Zeit. Ausserhalb der Heizperiode ist in Krakau die Luft gut, weshalb Mai bis September als optimale Reisezeit logisch erscheinen.

HOTEL
Andel's by Vienna House

ul. Pawia 3
PL-31-154 Kraków
www.viennahouse.com
Die Lage des 4-Sterne-Designhotels ist für Krakau-Erkundungen genau richtig. Die Altstadt mit ihrem grünen Ringpark fängt quasi vor dem Hotel an, bis zum Hauptplatz der Altstadt sind es nur 400 m. Das Haus ist von klaren Linien, ausdrucksvollen Farben und Licht geprägt, was für eine angenehme Atmosphäre sorgt. Mein Standardzimmer war gefällig, das Restaurant haben wir nicht besucht, und für Spa & Wellness blieb keine Zeit. Aber in der Oscar's Bar wurden wir mit einem Drink überrascht, den ich nicht kannte: Tatenka – bestehend aus naturtrübem Apfelsaft, Zubrówka Bison Grass Wodka und einer Prise Zimt. Sehr erfrischend!
Bei Hotelplan ist das Andel's ab CHF 62.– pro Person/Nacht im Doppelzimmer inkl. Frühstück buchbar (Stand: Juni 2017).

RESTAURANTS/BARS
Café Singer

Estery 20
PL-31-056 Krakau

Restaurant Plac Nowy 1
Plac Nowy 1
PL-31-056 Krakau
www.placnowy1.pl

Hotel Stary
(Dachterrasse)
ul. Szczepa?ska 5
PL-31-011 Krakau
https://stary.hotel.com.pl
Tolle Dachterrasse für einen Aperitif oder einen Absacker mit Blick über die Dächer Krakaus.

EINKAUFEN
Gleich ums Eck unseres Hotels lockt das Einkaufszentrum Galeria Krakowska. Aber auch in der Altstadt kann man prima Shoppen. Beispielsweise in den Tuchhallen am Hauptmarkt oder in den Einkaufsstrassen Florianska, Szewska und Grodzka. Allerdings sollte man die Landeswährung Z?oty (PLN) dabei haben; denn nicht überall kann mit Debit-/Kreditkarten bezahlt werden. Euros wurden auch nur selten akzeptiert. Es gibt aber viele Wechselstuben in Krakau, die in der Regel einen besseren Wechselkurs anbieten als am Flughafen oder Bahnhof.

WEITERE ADRESSEN
Emaillefabrik von Oskar Schindler
(eine Abteilung des Historischen Museums der Stadt Krakau)
ul. Lipowa 4
30-702 Krakau
www.museums.krakow.travel

Alte Synagoge
Szeroka 24
31-053 Krakau

Salzmine Wieliczka
Danilowicza 10
PL-32-020 Wieliczka
www.salzbergwerkwieliczka.de

VERANSTALTUNGEN (eine kleine Auswahl)
- Internationales Festival der Seemannslieder (Februar)
- Tage der Orgelmusik (April)
- Internationales Festival der Kurzfilm (Mai)
- Festival der Jüdischen Kultur (Juni)
- Jazzfestival im Pod Baranami (Juli)
- Festival «Klassische Musik an historischen Orten» (August)
- Festival der Jazztrompeter (September)

AUSFLÜGE/FÜHRUNGEN (bei www.travelhouse.ch buchbar)
- 4-stündiger Stadtrundgang «Krakau – Altstadt» in Deutsch/Französisch, täglich
- 4-stündiger Stadtrundgang «Krakau – Auf den Spuren der jüdischenKultur in DE/FR, tägl.
- 4-stündiger Ausflug in die «Salzmine Wieliczka» in DE/FR, tägl., ab/bis Hotel in Krakau
- 6-stündiger Ausflug «Auschwitz-Birkenau» in DE/FR, tägl., ab/bis Hotel in Krakau

WEITERE INFOS
www.hotelplan.ch
www.polen.travel/de


Kollege Travelblogger Tom Brühwiler hat übrigens auch über Krakau berichtet.


© Text & Fotos: Inge Jucker | Travel-Experience.ch

Offenlegung: Ich war von Hotelplan zu dieser Kurzreise eingeladen.



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