Islands bezaubernder Südwesten

Es sprudelt, gurgelt und stiebt, mal ist es kalt, mal warm... Wasser – in welcher Form auch immer – begegnete uns in diesem Zipfel Islands sehr häufig.
Island, Arthing

Für Isländer eine geschichtsträchtige Gegend: Thingvellir, der Ort, an dem sich das Volk versammelte.

Publiziert am 25. Juni 2014

Immer noch von Naturkünstler Páll Gudmundsson beeindruckt, den wir gerade besucht haben, machen wir uns auf, die Wasserfälle bei Húsafell und die heissen Quellen von Deildartunguhver zu besichtigen. Ich werde mir diesen Namen ganz sicher nie merken können... Aber in guter Erinnerung behalte ich die Tomaten, die ich bei der heissen Quelle gekauft und gegessen habe. Sie sind nämlich in einem Gewächshaus gezogen worden, das von eben dieser Quelle mit Wärme und Energie versorgt wird. Sie liefert 180 Liter 100 Grad heisses Wasser pro Sekunde! In der mit 64 Kilometern längsten Warmwasserleitung der Welt wird das Quellwasser nach Akranes und Borgarnes geliefert – und verliert unterwegs nur gerade mal 3 Grad seiner Wärme. Auch umliegende Weiler und Höfe – und eben das Tomatentreibhaus – werden damit versorgt.

AUF DEN SPUREN DER SAGAS
Wieder zurück an der Küste, in Borgarnes, besuchen wir das Landnámssetur, das Landnahme-Zentrum. Ein sonderlicher Name und ein besonderes Museum, das auf eindrückliche Weise die Besiedelungsgeschichte Islands erzählt, die Entstehung eines Volkes auf einer rauen Insel. Nur ein Aspekt der Geschichte: Die Insel war am Anfang der Besiedelung noch von Birkenwäldern geprägt. Doch man brauchte Holz. Viel Holz. Um Häuser und Schiffe zu bauen. Im 13. Jahrhundert nahm der Schiffbau ab, denn es gab kaum mehr Holz. Und in der Folge machte sich die Erosion des Bodens verstärkt bemerkbar. Heute ist man bemüht, die Birkenwälder wieder aufzuforsten.

Der Standort des Museums am Fjord von Borgarnes wurde ausgewählt, weil in dieser Gegend die ausführlichste der 40 isländischen Sagas spielt, die Egillsaga. Sie wird in einer abenteuerlichen Ausstellungswelt mit Hilfe eines Audioguides in 25 spannende Minuten gepackt. Die Autoren der Sagas sind übrigens unbekannt. Für ein Sagabuch mussten etwa 220 Kälber ihr Leben lassen (Pergament) – und ein paar Gänse die Federn (Schreibgerät). Zu dieser Zeit schrieb man in Europa Geschichte in Latein, nicht so in Island. Hier blieb man beim Isländischen.

So. Und wer jetzt hungrig ist, muss glücklicherweise nicht weit gehen. Im Nebengebäude befindet sich ein Shop, aber auch ein Restaurant. Und hier versuche ich ganz typische, einheimische Hausmannskost: Plokkfiskur, ein Brei aus Fisch und Kartoffeln, dazu Schwarzbrot. Es schmeckt besser als es aussieht. ;-) Würde ich Lamm essen, hätte ich auch das Nationalgericht Kjósupa probiert, einen Lammeintopf.

TRIO AM GOLDEN CIRCLE
Gut genährt geht die Reise also weiter zum Ort Thingvellir, wo sich zur Zeit der Besiedelung die Menschen aus allen Himmelsrichtungen trafen. Das Wort «Thing» bedeutet Volksversammlung, «Vellir» heisst Ebene. Auf dieser «Ebene der Volksversammlung» trafen sich bereits um 930 alljährlich die norwegischen Wikinger, um jeweils im Juni die gesetzgebende Versammlung, das Althing, abzuhalten. Dieses Parlament hatte bis 1798 Bestand. Dann wurde es von den Dänen abgeschafft. Aber den Ort gibt es natürlich noch. Hier wurde schliesslich 1944 die Republik Island ausgerufen. Bereits 1930 wurde das Gebiet zum Nationalpark und 2004 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Es zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten am Golden Circle, der beliebten Reiseroute im Südwesten Islands.

Dazu zählen auch die Geysire, die wir als nächstes besuchen. Strokkur ist der berühmteste und auch regelmässige Geysir, der etwa alle 10 Minuten in einer bis zu 35 Meter hohen Wasserfontäne ausbricht. Fotografen sind hier höchst beschäftigt. Und wenn das ultimative Bild nicht gelingt, wartet man halt 10 Minuten. Hier sollte man sicher eine Stunde Aufenthalt einplanen, denn es gibt auch viele kleine Dinge zu entdecken, beispielsweise farblich wunderschöne Wasserrinnsale. Aber Vorsicht, das Wasser könnte noch heiss sein!

Der Dritte im Bunde der Sehenswürdigkeiten am Golden Circle ist der Gullfoss-Wasserfall. Er ist riesig und die Wassermassen sind echt beeindruckend. Durchschnittlich stürzen 109 Kubikmeter Wasser pro Sekunde (!) über zwei Kaskaden, die zusammen 32 Meter hoch sind. Beinahe wäre dieser Wasserfall der Stromproduktion zum Opfer gefallen, eine englische Gesellschaft hatte den Gullfoss gekauft. Sigrídur Tómasdóttir wehrte sich erfolgreich, und heute gehört der Wasserfall dem Staat.

Island, Strokkur, Golden Circle

Ein pünktlicher Geysir ist der Strokkur – und somit ein sehr beliebtes Fotosujet.

Island, Gullfoss, Golden Circle

Die rauschenden Wassermassen des Gullfoss-Wasserfalls.

Island, Torfhaus

Eines der Torfhäuser nahe des historischen Gehöfts Keldur.

Island, Islandpferde, reiten

Islandpferde... Sie sind einfach bezaubernd! Wer mag, kann in den Ferien einen Ausritt unternehmen.

Island, Skogafoss

Der vielleicht imposanteste Wasserfall Islands: der Skógafoss. 60 Höhenmeter tosendes Nass am Stück...

Island, Eyjafjallajökull, Vulkan, Ausbruch 2010

Beeindruckend die Ausstellung und der Film über den Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull.

DAS TORFDORF UND EIN TEILZEIT-EINSIEDLER
Wir verlassen nun den Golden Circle und fahren südostwärts. Beim historischen Gehöft Keldur halten wir kurz an, um die Torfhäuser anzusehen, die in der Niáls-Saga mehrmals erwähnt werden. Und bei Elli, dem Teilzeiteinsiedler im Vatnsdal, legen wir einen Kaffeehalt ein. Am Küchentisch sitzend erzählt der 76-Jährige, dass er sechs Monate in der Einsamkeit mit seinen Schafen und Islandpferden lebt, die anderen sechs Monate im Dorf.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass sich jeder Isländer persönlich beleidigt fühlt, wenn man von Islandponys spricht. Es sind Islandpferde, die übrigens lange Zeit das einzige Transportmittel der Isländer waren. Es gibt etwa 70 000 Islandpferde auf der Insel und sollten sie das Land verlassen, dürfen sie nie wieder zurückkehren. Das hat mit Krankheiten zu tun, die es in Island nicht gibt, und mit der Reinhaltung der Linie, die seit der Wikingerzeit unverändert ist.

RUND UM DEN E-15
Als nächstes erwartet uns der nächste Wasserfall, der Skógafoss, der unterhalb des 2010 berühmt gewordenen Eyjafjallajökull liegt. Klar, auch dieser Wasserfall lässt sich in Zahlen ausdrücken – er ist 25 Meter breit und 60 Meter hoch –, aber wenn man an seinem Fusse steht, ist er ganz einfach nur noch überwältigend! Das Rauschen und Tosen betäubt fast die Ohren als wir dort ankommen, wo das Wasser aus freiem Fall den Boden erreicht. Die Luft ist von feinsten Wassertröpfchen erfüllt – gut, wenn man sich bzw. die Kamera schützt. Hinter dem Wasserfall soll sich laut einer Saga ein Schatz befunden haben. Wie viele Besucher wohl heute noch danach suchen?

Auf dem Weg zurück nach Reykjavík kommen wir am Vulkanmuseum «Eyjafjallajökull erupts» des Bauern Olafur Eggertsson vorbei. Als Selbsthilfe – denn nach dem Vulkanausbruch ging hier gar nichts mehr – hat er alles Wissenswerte über den Eyjafjallajökull zusammengetragen und eine Ausstellung auf die Beine gestellt. Der Vulkan hielt bekanntlich 2010 die Welt in Atem und sorgte für viele gestrandete Flugpassagiere.

Besonders beeindruckt hat mich der Film über den Ausbruch des E-15, wie ihn ein amerikanischer TV-Moderator kurzerhand nannte, weil er Eyjafjallajökull nicht ohne Stolpern aussprechen konnte. E-15, E stellvertretend für den Anfangsbuchsstaben und 15 für die nachfolgenden Zeichen, wäre natürlich schon einfacher, aber wir schaffen nach etwas Üben auch den Originalnamen. Die Tochter des Bauern Eggertsson, die im Laden und an der Kasse wirkt, ist übrigens auch im Film zu sehen. Es kommt alles sehr 1:1 rüber. Und schön zu sehen, wie der Bauernhof – nach unendlich viel Reinigungsarbeit – wieder in Schwung gekommen ist. Ein lohnenswerter Besuch!

So lohnenswert wie die ganze Reise, während der wir zwar nicht gerade mit Sonnenschein verwöhnt wurden (man sieht's an den Fotos), aber viel Eindrückliches erlebt haben! Übrigens: Island hat einen Suchtfaktor: Wer einmal dort war, will immer wieder hin...


INFOS ZU ISLAND


ANREISE
Am bequemsten mit Icelandair ab Zürich nonstop nach Reykjavík bzw. Keflavík. Die direkte Verbindung wird von Mitte Mai bis Mitte September wöchentlich viermal angeboten. Von Reykjavík aus geht die Reise je nach dem mit dem Mietwagen, Camper oder Bus weiter.

BESTE REISEZEIT
Der Sommer ist selbstverständlich am wärmsten und für Wanderungen und Biketouren am besten geeignet. Doch auch der Winter hat seinen Reiz...

UNTERKUNFT
Bed & Breakfast Gamli Bær, Húsafell
eMail: sveitasterid@simnet.is, www.icelandictimes.com
Das B&B befindet sich gegenüber dem Atelier von Páll Gudmundsson in der Nähe von Húsafell.

Icelandair Hotel Flúdir
Vesturbrún 1, 845 Flúdir
www.icelandairhotels.com
Das Hotel hat eine ausgezeichnete Lage, um den Golden Circle zu erkunden. Die Zimmer sind nordisch hell eingerichtet und jedes hat eine kleine Terrasse.

Icelandair Hotel Keflavík
Hafnargata 57, 230 Keflavík
www.icelandairhotels.com
Dieses Hotel ist nur fünf Minuten vom Flughafen entfernt und ideal, wenn man nur rasch einen Zwischenhalt machen möchte. Auch hier sind die Zimmer komfortabel und hell eingerichtet.

ADRESSEN
Landnámssetur (Landnahme-Zentrum), Borgarnes: die drei Gebäude sind an der Brücke zur Insel Brákey zu finden.
deutsch.landnam.is

Eyjafjallajökull erupts
Thorvaldseyri, 861 Hvolsvöllur
www.icelanderupts.is

BUCHTIPPS
«Sagen und Märchen aus Island», Forlagid-Verlag, ISBN 978-9979-53-534-8
«Die Islandglocke» von Halldór Laxness, 2012 im Steidl Verlag neu aufgelegt, ISBN 978-3-86930-005-4
«Island – ein Reisebegleiter» von Arthur Bollason, ISBN 978-3-458-35041-5
«Island», von Arthur Bollason, Polyglott-Verlag ApaGuide, ISBN 978-3-8268-1205-7.

ALLGEMEINE INFOS
www.visiticeland.com

 
© Text & Fotos: Inge Jucker | Travel-Experience.ch

Diese Reportage wurde durch Icelandair ermöglicht.


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