Idar-Oberstein: das Eldorado für Edelsteinfreaks!

Die Edelsteinhauptstadt Deutschlands hat viele spannende Geschichten zu erzählen. Wir sind auf den Spuren der alten Schleifer unterwegs.
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Diesen wunderschönen Achat haben wir in der Alten Edelsteinschleiferei von Ernstotto Biehl entdeckt.

Publiziert am 19. März 2018

In der Felswand glitzert es verdächtig. Licht an – und grosses Staunen... – eine schöne Amethystdruse funkelt im Licht der Taschenlampe! Bislang haben wir diesen Edelstein nur in Schmuck- und Edelsteingeschäften gesehen, aber nie an seinem vulkanischen Ursprungsort. Und der ist in unserem Fall in der Edelsteinmine im Steinkaulenberg in der Nähe von Idar-Oberstein. Mit gelbem Helm ausgerüstet sind wir auf interessanter und sehr anschaulicher Führung durch die Stollen der mittlerweile stillgelegten Mine gegangen.

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In der Edelsteinmine im Steinkaulenberg glitzert dieser Amethyst.

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Eine geöffnete Achatdruse mit Feenstaub – wunderschön!

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Die historische Weiherschleife von aussen.

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Axel Stolterfoth zeigt eindrücklich, wie unbequem die Lage des Schleifers war...

DIE HISTORISCHE WEIHERSCHLEIFE

Früher wurden die abgebauten Steine in die 56 Schleifereien gebracht, die sich auf 20 Kilometern am Idarbach aneinanderreihten. Wir besuchen die gut erhaltene, historische Weiherschleife mit ihren alten Schleifsteinen aus Sandstein. Axel Stolterfoth, ein ehemaliger Schleifer, erklärt uns die Schleife, die 1754 erbaut wurde. Weil der Bach nicht immer genügend Wasser lieferte, konnte manchmal nur einen halben Tag lang geschliffen werden. Mit Hilfe des Weihers legte man sich eine kleine Reserve an, doch man war immer am Wassersparen. 1954 hat man die Weiherschleife renoviert und den Wasserantrieb durch einen elektrischen ersetzt. Jetzt konnte viel mehr geschliffen werden. Aber es ist immer noch ein Knochenjob!

Jeder Schleifer hatte seinen an ihn angepassten Bock, Schleifkippstuhl genannt, auf den er sich bäuchlings zum Schleifen legte. Alex demonstriert das eindrücklich. Da braucht es viel Kraft, Ausdauer, Geschick und Fingerspitzengefühl. Es gab verschiedene Schleifer, die von grob bis fein arbeiteten. Der Meister am letzten Rad hat dem Stein schliesslich den letzten Schliff verpasst. Das Werkzeug musste sich jeder selber herstellen. Um eine Achatschale auszuhöhlen, war der Schleifer eine Woche lang beschäftigt. Je dünner die Wand, desto wertvoller die Schale, aber auch desto risikoreicher das Schleifen. So ist manches zerbrochene Stück im Weiher gelandet... Alex erzählt, er habe als Kind viele Schalenreste aus dem Weiher gefischt. Hier war damals auch der Treffpunkt der Idarer Jugend.

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Beim Schleifen von Schalen war die Haltung nicht wesentlich angenehmer.

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Links hält Axel Stolterfoth den rohen Achat, rechts eine dünnwandige Achatschale.

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Und so sieht es in der Alten Edelsteinschleiferei von Ernstotto Biehl aus. Es rattert, kesselt, schleift – gut hat der Chef alles im Griff.

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Ernstotto Biehl ist stolz auf seine alte Schleife.

ELEKTRIZITÄT BRINGT DEN WANDEL

Mit Einführung der Elektrizität wurde die Arbeit präziser und weniger anstrengend wegen der höheren Drehzahl. Wer gut war, hat gut verdient und ist zu Wohlstand gekommen. So ist beispielsweise in Kirchweiler das Prokopfeinkommen heute noch am höchsten, weil hier in noch fast 50 Betrieben geschliffen wird. Händischer Unikatschliff ist hier noch erhältlich, aber sehr, sehr teuer. Er ist – weil «weicher» – begehrter als der Maschinenschliff, der härter und präziser ist. In Idar-Oberstein hingegen wird heute nur noch mit geschliffenen Steinen gehandelt.

Bis 1990 war die Weiherschleife in Betrieb, und 1997 wurde sie für Besichtigungen wieder hergestellt. Wir sind von der Schleife wie auch von der kleinen Ausstellung sehr beeindruckt und besuchen auch gleich noch die alte Schleife von Ernstotto Biehl, die zwischen Kempfeld und Herrstein zu finden ist. Er erklärt uns, wie ein oberschlächtiges Wasserrad funktioniert und das Gewicht des Wassers zum Antrieb nutzt. In einem trockenen Sommer könnte er sonst gar nicht arbeiten. Die verschiedenen Übersetzungen – im Fachjargon Transmissionen genannt – sind eine kleine Wissenschaft für sich. Denn Ernstotto betreibt über verschiedene Umlenkungen mehrere Gerätschaften gleichzeitig. Beispielsweise den Generator, die Diamantsäge und die Trommel, in der die Steine poliert werden. Und über allem hängen Kohlefadenglühbirnen, die seit 110 Jahren Licht geben!

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Sieht aus wie ein Walliser Roggenbrot: ein in Scheiben geschnittener Achat.

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Auch Ernstotto Biehl zeigt, wie hier die Steine geschliffen werden.

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Eine echte Rarität sind die etwa 110 Jahre alten Kohlefadenglühbirnen. Sie brennen immer noch!

STIRBT DAS ALTE HANDWERK?

Ernstotto zeigt uns begeistert seine Schleife, macht aber keinen Hehl daraus, dass man nicht mehr von ihr leben kann. Die Auftraggeber werden weniger, der Tourismus kann das nicht ausgleichen – es geht bergab. Die Steine stammen schon lange nicht mehr aus der Umgebung, denn die Minen sind ausgebeutet. Als die Achatfunde immer weniger wurden, sind die ersten Edelsteinschleifer aus der Region nach Brasilien ausgewandert. Sie waren es dann, die nach der Stilllegung der Steinkaulenberg-Mine 1875 neues Rohmaterial in Brasilien auf die Reise schickten. In Segelschiffen – als Ballast, darüber Kaffee und Früchte – verschiffte man die Steine nach Holland und auf dem Rhein bis nach Bingen. Von dort wurden sie mit Kutschen weiter transportiert. So eine Reise dauerte ein halbes Jahr!

Heute ist das Rohmaterial sogar teurer als die fertigen Stücke, die Ernstotto im Grosshandel kaufen kann, um seinen kleinen Laden lohnender zu bestücken. Schuld daran sind auch Auftraggeber, die moderne Maschinen in jene Länder liefern, in denen die Rohsteine gefunden und dann gleich auch zu Billiglöhnen verarbeitet werden. Schade. Bleibt zu hoffen, dass Ernstottos Sohn, der die Schleife nun in vierter Generation betreibt, Mittel und Wege findet, die historische Werkstatt zu erhalten.

Alles zur Geschichte der Edelsteinschleiferei ist übrigens im Deutschen Edelsteinmuseum zu erfahren. Dort sind auch immer wieder sehr schöne und sorgfältig kuratierte Sonderausstellungen zu bewundern. Am Schluss der ganzen Produktionskette – quasi dem Weg des Steins aus dem Fels bis auf die Theke – steht man dann in einem der vielen Juweliergeschäfte und hat die Qual der Wahl...

In und um Idar-Oberstein gibt es noch viel mehr zu entdecken, und davon berichten wir in einem >>> weiteren Beitrag.


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Dem Deutschen Edelsteinmuseum in Idar-Oberstein muss man unbedingt einen Besuch abstatten.

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Die Sonderausstellung «Fliegende Juwelen» hat uns riesig gefallen!

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Dieses wunderschöne Kunstwerk ist in der permanenten Ausstellung zu finden.

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Im Outletshop der Edelstein-Erlebniswelt kann man das eine oder andere Schmuckstück erwerben.

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Das Parkhotel in Idar-Oberstein empfehlen wir gerne weiter.

INFOS ZU IDAR-OBERSTEIN UND UMGEBUNG




Wir haben alle Informationen zu beiden Idar-Oberstein-Artikeln in einem Dokument zusammengefasst. Es lässt sich >>> hier als PDF herunterladen.


ANREISE
Mit der Bahn oder dem eigenen Auto. Auch wenn man es den Adressen nicht gleich ansieht, liegen die Sehenswürdigkeiten ziemlich verstreut. Deshalb ist ein fahrbarer Untersatz vor Ort eigentlich ein Muss.

BESTE REISEZEIT
Frühling bis Herbst ist es am schönsten. Zudem sind einige Einrichtungen den Winter über geschlossen, so zum Beispiel die Weiherschleife.

UNTERKUNFT
Die Hotelsituation in Idar-Oberstein hat noch etwas Optimierungspotenzial. Es gibt viele kleine Pensionen, darunter sehr günstige. Ausserhalb von Idar-Oberstein gibt es natürlich auch Hotels und Pensionen, wir haben uns aber für das Stadthotel entschieden.

Parkhotel
Hauptstrasse 185
D-55743 Idar-Oberstein
www.parkhotel-idaroberstein.de
Wir haben den Eindruck, dies sei – mit vier Sternen – das beste Hotel der Stadt. Unser Zimmer war sehr geräumig, der Service freundlich und im Restaurant/Bistro konnten wir uns gut und günstig verpflegen. Die Terrasse vor dem Haus ist ein beliebter Treffpunkt. Wir können das Haus guten Gewissens weiterempfehlen.

RESTAURANTS
In Idar-Oberstein sind wir immer wieder am Markt/Hauptstrasse im Ortsteil Oberstein gelandet. Hier gibt es gemütliche Restaurants und Cafés.

Spiessbratenhaus Alte Kanzlei
Hauptstrasse 432
D-55743 Idar-Oberstein
http://das-spiessbratenhaus.de
Nein, wir haben – dem Namen zum Trotz – keinen Spiessbraten gegessen, sondern Flammkuchen, die hier variantenreich angeboten werden.

Café am Markt
Hauptstrasse 421
D-55743 Idar-Oberstein
www.io-cafe-am-markt.de
Das Café ist bekannt für Kaffee, Tee, langes Frühstück (bis 12 Uhr) und Kuchen, aber man kann auch nur ein Glas Wein trinken.

Badischer Hof
Hauptstrasse 377
D-55743 Idar-Oberstein
http://badischer-hof-breckner.de/
Hier wird der «Original Idar-Obersteiner Spiessbraten» noch traditionell über dem Feuer zubereitet und mit Hunsrücker Bauernbrot und gemischtem Salat serviert. Das hat uns so gut geschmeckt, dass wir noch ein zweites Mal dort essen gegangen sind.

Manzi's Restaurant & Bistro
im Parkhotel
Hauptstrasse 185
D-55743 Idar-Oberstein
www.parkhotel-idaroberstein.de

Zur Weiherschleife
Tiefensteiner Strasse 91
D-55743 Idar-Oberstein
Nach oder vor dem Besuch der historischen Weiherschleife kann man sich hier preiswert und gut verköstigen. Die Terrasse ist auch hier beliebt für Kaffee und Kuchen.

Café in der Zehntscheune
Schlossweg 13,
D-55756 Herrstein
www.zehntscheune.de
Das Café ist auch eine Pension und ein Mineraliengeschäft. Café ist eigentlich nicht ganz passend, denn die Hausmannkost geht weit über das Angebot eine Cafés hinaus. Oma's hausgemachte dicke Kartoffelsuppe, gefüllte Klösse in Speckrahmsauce mit Apfelkompott oder hausgeräucherte Forellenfilets an hausgemachtem Meerrettich mit Folienkartoffel und Kräuterquark... Und gemütlich ist das Café auch noch.

WEITERE ADRESSEN ZUM THEMA EDELSTEINE
Edelsteinminen im Steinkaulenberg

Im Stäbel
D-55743 Idar-Oberstein
www.edelsteinminen-idar-oberstein.de

Historische Weiherschleife
Tiefensteiner Strasse 87
D-55743 Idar-Oberstein
www.edelsteinminen-idar-oberstein.de

Edelsteinschleiferei Ernstotto Biehl
An der L160 zwischen Kempfeld und Herrstein
D-55758 Asbacherhütte
www.alte-edelsteinschleiferei.de

Deutsches Edelsteinmuseum
Hauptstrasse 118
D-55743 Idar-Oberstein
www.edelsteinmuseum.de

Edelstein-Erlebniswelt
Nahestrasse 42
D-55743 Idar-Oberstein
www.goldgottlieb.de
Um ganz ehrlich zu sein: Ich weiss nicht, wie Kinder die Erlebniswelt empfinden. Ich habe keine Kinder gesehen, die ich hätte befragen könne. Die Anlage wurde sicher mit viel Fantasie und Enthusiasmus gebaut. Für Erwachsene ist der einen Stock höher angesiedelte Schmuck Factory Outlet aber ganz bestimmt interessant.

ÜBRIGE ADRESSEN
Industriedenkmal Jakob Bengel

Wilhelmstrasse 42a
D-55743 Idar-Oberstein
www.jakob-bengel.de

Schloss Oberstein
Schloss
D-55743 Idar-Oberstein
www.schloss-oberstein.de
Führungen gibt es auf Anfrage. Die Gaststätte Wirichstube ist an den Wochenenden geöffnet. Tolle Aussicht!

Felsenkirche
Kirchweg 3
D-55743 Idar-Oberstein
www.felsenkirche-oberstein.de
Wer keine Lust oder Schnauf hat, die gegen 200 Stufen zur Kirche hinauf zu steigen, verpasst höchstens die Aussicht. Die Kirche selber wurde leider bei Renovationen nicht eben verschönert. Pardon, aber das ist nun mal unsere ehrliche Meinung. Die Geschichten, die sich um die Kirche ranken, kann man sich auch unten im Ort erzählen lassen.

Kufperbergwerg Fischbach
Hosenbachstrasse 17
D-55743 Fischbach
www.besucherbergwerk-fischbach.de

Goldbachs Steine und Weine
Geologisches Museum & Vinothek
D-55756 Herrstein
www.goldbachs-weine-und-steine.de


WEITERE INFOS
EdelSteinLand
Tourist-Information Idar-Oberstein

Hauptstrasse 419
D-55743 Idar-Oberstein
www.edelsteinland.de
www.idar-oberstein.de



© Text: Inge Jucker; Fotos: Heinz Jucker | Travel-Experience.ch

Offenlegung: Wir wurden bei den Übernachtungen von www.germany.travel und Idar-Oberstein Tourist-Info unterstützt. Zu allen Besichtigungen und Führungen waren wir eingeladen.


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