Grönland on the rocks

Auf der grössten Insel der Welt war ich auf den Spuren der grossen Eiswürfel und jenen der Klimaveränderung – wo das Eis schmilz und Moschusochsen schwitzen...
Groenland, Ilulissat

Ilulissat im Abendlicht.

Publiziert am 18. April 2013

Im Land, in dem sich Polarfüchse und Schneehasen gute Nacht sagen, bekommt Inselhüpfen eine ganz andere Bedeutung. Hier hüpft man nicht von Insel zu Insel, sondern zu Ort von Ort. Denn: es gibt in Kalaallit Nunaat, im «Land der Grönländer», keine Strassen, welche die weit verstreuten Siedlungen miteinander verbinden würden. Wer sich fortbewegen will, muss fliegen, mit dem Schiff reisen oder zu Fuss gehen. Ich habe alles ausprobiert, nur das bei Grönland-Besuchern sehr beliebte Trekking musste ich mangels Zeit und Erfahrung auslassen. Denn so wie die Strassen fehlen, sucht man hier ja auch vergeblich nach Wanderwegen – was eine ganz andere Vorbereitung erfordern würde. Handy-Empfang hat man auch nur in den Ortschaften – in den unbewohnten Weiten Grönlands herrscht Funkstille.

Groenland, EqiCamp

Komfortabel: Die neuen Hütten im Eqi-Camp...

Groenland, EqiCamp

... und so sehen sie innen aus.

Groenland, EqiCamp

Die Hütten liegen ziemlich verstreut in der wilden Landschaft.

Groenland, EqiGletscher

Traumhafte Szenerie am Eqi-Gletscher.

 

TIEFGEKÜHLTER ZUCKERGUSS AM EQI-GLETSCHER

Auf der kleinen Terrasse meines Hüttchens im Ice Camp Eqi geniesse ich eben diese Ruhe vom Rest der Welt. Vor mir breitet sich die weite Diskobucht aus, in die sich der fleissig kalbende Eqip-Sermina-Gletscher schiebt. Wie bröseliger Zuckerguss sieht er aus. Und wenn dann wieder ein Stück abbricht, ist das Getöse über die ganze Bucht zu hören. Der Wind treibt die Tausenden von grösseren und kleineren Eisstücke vor sich her Richtung Meer und bewirkt mit der Zeit, dass sich die Eisbrocken nicht mehr vorwärtsbewegen, weil sie überfrieren. Die Wasser-Eis-Masse stockt. Was vor kurzem noch quicklebendig gegeneinander schipperte, floss und gurgelte, liegt jetzt starr vor dem Gletscher. Mit den aufziehenden Wolken wandelt auch er sich. Das eben noch gleissende Weiss nimmt Konturen an, tief blaue Spalten werden sichtbar, Spitzen und Zacken beherrschen nun das Bild. Es zeigt die Härte des Klimas am Polarkreis. Und plötzlich scheint auch die Zeit stillzustehen. Bis die Kälte die Kleiderschichten durchdringt.

Schnell rauf in die Restaurant-Hütte und einen wärmenden Greenland Coffee bestellt, denn mit diesem hochprozentigen Kaffee, der in den 1950er-Jahren von einem Hotelier in Grönlands Hauptstadt Nuuk erfunden wurde, wird einem rasch wieder warm. So warm, dass ich ohne Jacke, aber mit Fotoapparat aus der Hütte schleiche, denn draussen ist ein Polarfuchs aufgetaucht. Den kann man sich ja nicht entgehen lassen! Und wer weiss, wie lange der da herumschnüffelt?! Im Nachhinein weiss ich, dass ich mehr als genug Zeit gehabt hätte, eine Jacke überzuziehen; das Füchslein ist im Ice Camp Stammgast.

Groenland, EqiCamp, Polarfuchs

Ein neugieriger Polarfuchs beim Camp, im Hintergrund der Eqi-Gletscher.

Groenland, Kangerlussuaq

Nahe von Kangerlussuaq: Hier war mal eine Strasse...

Groenland, Kangerlussuaq Gletscher

Zwei "Eiskletterer" am Kangerlussuaq-Gletscher.

Groenland, Blumen

Im Sommer blüht es wunderbar rund ums ewige Eis.

 

WENN DER PERMAFROST AUFTAUT...

Vom Camp aus führt einer der wenigen Wanderwege Grönlands zum Gletscherabbruch und zur Eiskappe hinauf. Entstanden ist der Trampelpfad aber nur, weil genügend Touristen zum Gletscher unterwegs sind. Je nach Ziel dauert die Wanderung bis zu fünf Stunden. Zum Inlandeis wird der Weg an vielen Orten immer weiter, denn das Eis schmilzt wegen der Klimaerwärmung vermehrt ab. Etwas ausserhalb von Kangerlussuaq, einem Ort mit einer Handvoll Häuschen und dem wetterbedingt wichtigsten Flughafen Grönlands, zeigt Guide Adam, die eindrücklichen Folgen des weggetauten Permafrosts. Wir stehen an einem Abgrund auf gefährlich brüchigem Boden und schauen in die Tiefe. Wo bis Juli 2012 eine Strasse war, mäandert nun der Watson River, als könnte ihn kein Wässerchen trüben. Doch er hat den aufgetauten, sandigen Boden während schwerer Niederschläge einfach mitgerissen. Gefährlich wird es nun auch für den Flughafen, der sehr nahe am Fluss liegt...

Groenland, Per Fleischer

Sisimiut: Künstler Per Fleischer an der Arbeit.

Groenland, Kunst, Handycraft

Tiermotive sind bei Künstlern und Touristen sehr beliebt.

Groenland, Moschus Wolle Muetze

Produkte aus der teuren Moschuswolle geben garantiert warm.

 

EXQUISITE SOUVENIRS IN SISIMIUT

Im Qiviut-Laden in Sisimiut erfahre ich, dass auch die Moschusochsen die wärmeren Temperaturen spüren und weniger Unterwolle produzieren. Diese äusserst feine und wärmende Wolle, Qiviut genannt, wächst im Brustbereich. Früher konnten 1100–1300 Gramm je Moschusochse herausgekämmt werden – das reichte für 10 Mützen –, heute sind es gerade mal 800 Gramm. Die Wolle ist also noch exklusiver geworden, entsprechend hoch sind die Preise für Schals, Mützen und Handschuhe. Aber ein Paar Pulswärmer kaufe ich mir dennoch – auch als Souvenir.

In einem alten Lagerhaus am Hafen von Sisimiut treffe ich auf eine Gemeinschaft von Kunsthandwerkern, die hier ihre Werkstätten haben. Ich weiss also genau, wer meinen Eisbär-Anhänger geschnitzt hat, den ich hier dem Künstler, Per Fleischer, persönlich abkaufe. Er hat sich auf Eisbären und Walfluken spezialisiert, während andere Robben oder Vögel, Armbänder oder Fingerringe anfertigen. Edna präsentiert stolz und auf ihrem einzigen Zahn lachend den Stosszahn eines Narwals. Ihr Mann hat das Tier erlegt. Noch steht nicht fest, was aus dem verdrehten Zahn einmal wird. Eine andere Grönländerin hat sich auf die Herstellung der traditionellen Perlenumhänge spezialisiert. Ein wahrlich schwerer Schmuck, den die Frauen beispielsweise zu Hochzeiten tragen... Für die Touristen stellt die Künstlerin runde Platzdecken her, quasi Müsterchen ihrer grossen Werke.

Reisen wie die Grönländer

Etwas Grandioses ist in Grönland eine Schifffahrt. Fähren oder auch kleinere Boote zählen hier zu den beliebten Fortbewegungsmitteln – auch für Einheimische. Als Tourist geht man eher auf Kreuzfahrt der Küste entlang mit der staatlichen Arctic Umiaq Line oder auf eine Mittsommernachts-Cruise in der Diskobucht. Während des stundenlangen Sonnenuntergangs zwischen Eisbergen herumtuckern hat schon seinen Reiz. Nur wer eine typische Dinner-Fahrt vor Augen hat, befindet sich auf dem falschen Dampfer. Denn es gibt kein Dinner und keinen Sekt auf unserem hübschen rot-weissen Schiff, dafür kalte Hände und rote Nasen. Und begeisterte Ausrufe, wenn sich ein Eisberg dreht und die Sonne glutrot neue Spiegelbilder ins Wasser malt... Es ist ein Naturschauspiel besonderer Güte. Nur warm einpacken muss man sich – auch im Hochsommer.

Meine Reportage wurde in ähnlicher Form in der SonntagsZeitung veröffentlicht und von der offiziellen Tourismusvertretung Visit Greenland (www.greenland.com), von World of Greenland, Veranstalter von Ausflügen und Rundreisen (www.wogac.com) und Air Greenland (www.airgreenland.com) unterstützt.

© Text und Fotos: Inge Jucker, Travel-Experience.ch

Groenland, Schiff, EqiCamp

In Grönland ist man am schönsten mit Schiffen unterwegs. Zum Eqi-Camp kommt man nur mit Schiff oder per Helikopter.

Groenland, Cruise, Schifffahrt, Ilulissat, Eismeer

Eine Abend-Cruise von Ilulissat aus ins Eismeer zählt zu den Höhepunkten.

Groenland, Kangerlussuaq, Wegweiser

Der Flughafen Kangerlussuaq ist Dreh- und Angelpunkt für die Grönländer, aber auch für die Touristen.

INFOS ZU GRÖNLAND


Anreise
Via Kopenhagen oder Reykjavik nach Kangerlussuaq, auf der letzten und auf den Inland-Etappen mit Air Greenland, www.airgreenland.com.

Unterkunft
Polar Lodge, Kangerlussuaq, www.wogac.com/accommodation/polar-lodge:  Sehr einfache Lodge direkt am Flughafen, gut für eine Nacht und als Ausgangsort für vielerlei Ausflüge, auch zur Eiskappe.
Hotel Arctic, Ilulissat, www.hotel-arctic.gl: Das nördlichst gelegene 4-Sterne-Hotel der Welt, etwas ausserhalb des Zentrums und eines der beiden besten Hotels im Ort.
Ice Camp Eqi, www.diskoline.dk/en/hotel-ice-camp-eqi: Die 15 Hütten des Wilderness-Hotels sind nur mit Schiff oder Helikopter ab Ilulissat erreichbar. Die neuen, unteren Häuschen sind definitiv komfortabler als die alten und den Aufpreis wert. Traumhaft zum Abschalten! Nur von Mitte Juni bis Mitte September geöffnet.

Ausflüge
Ein sehr grosses Angebot an Ausflügen und Touren mit versierten Guides bietet World of Greenland: www.wogac.com für Kangerlussuaq und Sisimiut sowie www.worldofgreenland.com für Ilulissat.

Kreuzfahrt/Fähre
Reisen wie die Grönländer, das kann man mit der MS Sarfaq Ittuk der Arctic Umiaq Line, www.aul.gl. Die Route führt entlang der grönländischen Westküste. Übernachtet wird in einer 2-Bettkabine mit Dusche/WC. Die Landungszeiten erlauben meistens einen kurzen Ausflug in den Ort.

ALLGEMEINE INFOS 
www.greenland.com


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