Dinkelsbühl für Nachtschwärmer

Wo Kinder «zechen», der Nachtwächter noch seine Runden dreht und ein Weibsbild echt gutes Bier braut... Eine Altstadt zum Entdecken und Verweilen.
Franken, Dinkelsbühl, Stadtbibliothek

Vor der Stadtbibliothek kreuzen sich die wichtigsten Strassen Dinkelsbühls.

Publiziert am 02. Juli 2014

Die spannende Architekturgeschichte von Eichstätt wirkt in meinem Kopf nach, doch sie ist nicht im geringsten mit den Bauten von Dinkelsbühl, unserem nächsten Ziel, zu vergleichen. Die gut befestigte Stadt am Ufer der Wörnitz besticht durch eine Vielzahl historischer Patrizier- und Fachwerkhäuser. Bei schönem Wetter und im Sommer, wenn alles blüht, sieht die Stadt schon beinahe kitschig-romantisch aus. Doch so richtig herausgeputzt wird sie, wenn eines der historischen Feste wie die «Kinderzeche» stattfindet.

Das historische Festspiel wird seit Jahrhunderten jeweils im Juli aufgeführt. Es gründet in einem überlieferten Schul- und Kinderfest, an dem einmal im Jahr die Kinder auf Kosten der Stadt Dinkelsbühl bewirtet wurden – sie durften «zechen». Auch heute noch bekommen die Kinder jeweils am Dienstag der Festspielwoche eine «Gucke», eine Tüte, voller Süssigkeiten.


EIN KINDERFEST MIT SCHNECKENNUDELN
Eine Spezialität, die – offiziell – nur zur Zeit der Kinderzeche gebacken wird, sind die Schneckennudeln. Bäcker Hans-Jörg Eicher macht für uns eine Ausnahme und zeigt uns in seiner Backstube, wie diese Schneckennudeln hergestellt werden. Der Hefeteig (wie für Zopf, aber mit etwas mehr Fett) wird dünn ausgewallt, gut mit Butterschmalz bepinselt und in Streifen geschnitten. Dann kommen Rosinen (in Rum eingelegte) und Zimtzucker drauf und Bäcker Eicher rollt die einzelnen Streifen zu Schnecken. Nebeneinander in eine Backform mit hohem Rand gestellt, werden sie 25 Minuten bei 220 Grad gebacken. Und zum Schluss dürfen wir herzhaft in diese kalorienreiche, aber sehr leckere Spezialität reinbeissen. Wie gut, dass es sie nur einmal im Jahr gibt – man könnte süchtig (und rundlich) werden... ;-)

Zur Verdauung geht es nun auf einen Rundgang durch die alte Stadt, die mancherorts ziemlich eng ist. Wo sich einst die Pferde wohl gegenseitig fast auf die Hufe getreten sein müssen, quält sich heute der Autoverkehr hindurch. Die hübschen Häuserzeilen OHNE Auto zu fotografieren ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dafür sind alle Sehenswürdigkeiten in kurzer Zeit zu Fuss erreichbar. Beispielsweise das beeindruckende Münster St. Georg, von aussen ein massiger Bau, der innen mit spätgotischer, himmelwärts strebender Architektur zur beschaulichen Pause einlädt. Der älteste Gebäudeteil geht auf das 12. Jahrhundert zurück, als hier eine romanische Kirche erbaut wurde. Der Turm hat bis heute überlebt, wurde allerdings um ein Glockengeschoss und einen achteckigen Aufbau mit Türmerwohnung erweitert. Dort oben hielt der Türmer jede Nacht Feuerwache.

DER NACHTWACHENDE SCHREINER
UND DAS BRAUENDE WEIB

Auch einen Nachtwächter gab es – gibt es immer noch. Und diesen besuchen wir in seiner Schreinerwerkstatt. Hier weiht uns Richard Kirchner in den Bau einer echten Nachtwächterlaterne ein. Die Einzelteile hat er liebenswürdigerweise vorbereitet, und wenn wir etwas gar ungeschickt mit Holz, Glas und Hammer umgehen, hilft er uns fachmännisch weiter. Die Laterne wird erstaunlich schnell fertig – natürlich nur Dank der Vorarbeiten von Richard Kirchner!

So bleibt uns also noch etwas Zeit, um vor der Einweihung der Laterne einen Abstecher ins «Weib’s Brauhaus» zu machen. Mit Melanie Gehring wird dort in vierter Generation Bier gebraut. Bis 1998 hiess das Lokal Zum Hecht, doch Melanie änderte den Namen, der ja jetzt perfekt passt. Weib’s Helles und Weib’s Weissbier werden meistens dienstags und mittwochs in der hauseigenen Brauerei hergestellt, 500 Liter aufs Mal. Wir werden über den Brauvorgang bis ins Detail eingeführt und erfahren auch, dass das Bier nicht gefiltert wird, sondern nur eine natürliche Klärung erfährt. Das Bier gibt’s übrigens nur exklusiv im Restaurant Weib’s Brauerei, denn es wird nicht in Flaschen abgefüllt und verkauft.

Franken, Dinkelsbühl, Bäcker, Eicher

Bäcker Eicher beim Backen der Schneckennudeln.

Franken, Dinkelsbühl, Münster St. Georg

Das Innenleben des Münsters St. Georg ist wahrlich beeindruckend...

Franken, Dinkelsbühl, Deutsches Haus

Das rote Fachwerkhaus ist das Deutsche Haus.

Franken, Dinkelsbühl, Nachtwächterlaterne, Schreiner

Schreiner und Nachtwächter Richard Kirchner – hier in der Werkstatt beim Laternenbauen.

Franken, Dinkelsbühl, Nachtwächterlaterne

Unsere Nachtwächterlaterne während der nächtlichen Einweihung in Dinkelsbühl.

Franken, Dinkelsbühl, Hotel Appelberg

Unser gemütliches Zimmer im Hotel Appelberg.

EIN KUNSTVOLLES HOTEL
Bevor es zum Nachtwächterrundgang geht, besuchen wir noch das Deutsche Haus. Das gotische Steinhaus mit einer prächtigen Fachwerkfassade ist das Stammhaus der Grafenfamilie Drechsel. Eine Augenweide! Die sieben Planetengötter finden sich hier in geschnitzten Holzsäulen und die Atlanten als Träger der Himmelskörper stützen die einzelnen Stockwerke. Im Innern ist neben anderen Kunstwerken eine Wandmalerei zu finden, welche die Hauptszene der Kinderzechen darstellt. Das Hotel mit seinem Restaurant ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Erkundigen Sie sich nach der den historischen Erläuterungen, die in einem Flyer zusammengefasst sind. Das stattliche Giebelhaus wurde übrigens auch auf einer Sonder-Briefmarke verewigt.

Jetzt ist es aber höchste Zeit, unsere Laterne auf dem Nachtwächterrundgang einzuweihen. Treffpunkt ist um 21 Uhr vor dem Münster, wo uns nun Schreiner Kirchner als Nachtwächter verkleidet begrüsst. Er führt uns und eine kleine Schar Besucher durch die Stadt, erklärt einzelne Gebäude und erzählt aus dem Leben eines Nachtwächters. Wir sind natürlich stolz, dass unsere Nachtwächterlaterne mit diesem Rundgang durch das nächtliche Dinkelsbühl eine echte und romantische Einweihung erlebt hat. Zuhause bekommt sie dann einen Ehrenplatz.


INFOS ZU DINKELSBÜHL


ANREISE
Mit der Bahn in über sechs Stunden (ab Zürich gerechnet) und mindestens zweimal Umsteigen. Schneller geht es mit dem Auto in vier Stunden (ab Zürich).

UNTERKUNFT
Haus Appelberg
Nördlinger Str. 40, 91550 Dinkelsbühl
Tel. +49 9851 582 838, www.haus-appelberg.de
Das Hotel mit Weinstube und Abendrestaurant hat historische Wurzeln im 15. Jahrhundert und befindet sich in der Nähe des Nördlinger Tors in der Altstadt. Das ehemalige Bauernhaus wurde mit viel Hingabe renoviert und in ein Hotel umgebaut, das nun über grosszügige Zimmer mit noch grosszügigeren Bädern verfügt. Die Königlich Bayerischen Schlafstuben sind alle individuell und gemütlich eingerichtet. Wir haben uns sehr wohl gefühlt, auch weil das Münster weit genug entfernt ist und morgens nicht Wecker spielt.

Deutsches Haus
Weinmarkt 3, 91550 Dinkelsbühl
Tel. +49 9851 6058, www.deutsches-haus.net
Wir haben das Haus zwar nur kurz besichtigt, können es aber durchaus empfehlen.

RESTAURANTS
Zur Glocke
Weinmarkt 1, 91550 Dinkelsbühl
Tel. +49 9851 3994, www.zur-glocke.de

Weib’s Brauhaus
Untere Schmiedgasse 13, 91550 Dinkelsbühl
Tel. +49 9851 579 490, www.weibsbrauhaus.de


ADRESSEN
Bäckerei Eichner
Segringer Str. 36, 91550 Dinkelsbühl

Haus der Geschichte
Altrathausplatz 14, 91550 Dinkelsbühl
Tel. +49 9851 902 180, www.hausdergeschichte-dinkelsbuehl.de

NACHTWÄCHTERFÜHRUNGEN
Alles über Nachtwächter- und andere Führungen ist hier zu finden:
www.dinkelsbuehl.de   
Wer sich für den Bau der Nachtwächterlaternen interessiert, erkundigt sich am besten im Tourismusbüro von Dinkelsbühl.

ALLGEMEINE INFOS
www.dinkelsbuehl.de

 

© Text & Fotos: Inge Jucker | Travel-Experience.ch

 

Dies ist Teil 2 meiner Reise durch Franken, welche vom Tourismusverband Franken und von RailTour unterstützt wurde.


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