Albanien – auf dem Weg, ein Juwel zu werden

Wer wohl behütet und gut informiert in Albanien unterwegs sein möchte, dem bietet sich die Möglichkeit einer Car-Reise durch das «vergessene Land».

Ein lauschiger Strand nahe von Saranda.

Publiziert am 11. April 2013

 

Er muss Nerven wie Stahlseile haben. Auf engen Strassen, die oft mit stossdämpferzermürbenden Löchern übersät sind, kurvt Carchauffeur Jürg Fahrni (51) unbeirrt durch Albanien. Seine Schweizer Fahrgäste bewundern ihn für seine Gelassenheit. Ich auch! Ohne ihn ginge hier sowieso gar nichts. Auch die Kaffeemaschine nicht, die nach jedem Ausflug rege benützt wird.

Der gemütliche Berner ist Fahrer bei Eurobus/Car Rouge und zum zweiten Mal mit seinem Bus in Albanien unterwegs. Er hat das Land liebgewonnen und auch registriert, dass sich in nur einem Jahr viel zum Positiven verändert hat. Das erste Mal war es noch so richtig abenteuerlich... Fahrni ist überzeugt, dass die Entwicklung anhalten wird. Vor Ort wird er jeweils vom Albaner Arben Mece (44), Beni genannt, begleitet, der als deutschsprachiger Gästeführer beinahe pausenlos jede Menge Albanien-Wissen vermittelt.

Albanien ist eingerahmt von Montenegro im Norden, von Kosovo und Mazedonien im Osten und Griechenland im Süden. Das Bergland weist beeindruckende Gebirgszüge auf; Korab, der höchste Berg Albaniens, ist 2764 Meter hoch. Nur der Küste entlang erstreckt sich ein flacher Schwemmlandgürtel. Flora und Fauna sind sehr artenreich, viele unberührte Landschaften bieten seltenen Tieren einen Lebensraum. Noch. Denn die starke Umweltverschmutzung bleibt nicht ohne Folgen. Doch davon bemerken die Reisenden nur das Offensichtlichste: die vermüllten Strassenränder.

Plüschtiere gegen böse Geister und eine Vergangenheit, die nachwirkt
Während der Reise kommt irgendwann das Gefühl auf, Albanien sei eine einzige Baustelle – samt Bauruinen. Auf dem Weg nach Durrës vergammeln Häuser, die noch knapp aus vier Wänden und viel Loch bestehen, neben herausgepützelten schnuckeligen Residenzchen, vornehmlich in Knallfarben wie Violett, Türkis und Froschgrün angemalt. Amüsant ist, dass hier wie in ganz Albanien, an vielen neuen und fast fertigen Häusern gut sichtbar Plüschtiere angebracht sind. Sie sollen böse Geister fernhalten, erklärt Reiseleiter Beni und fährt fort: «Ein Haus zu besitzen, ist für Albaner sehr wichtig, es ist ein Statussymbol.»

Stets muss ich mir in Erinnerung rufen, dass es nur gerade etwas mehr als zwei Jahrzehnte her ist, dass sich die Albaner von einem der schrecklichsten Diktatoren des Ostblocks befreiten: Enver Hoxha. Er isolierte das Land, sperrte quasi sein Volk während fast 50 Jahren ein und verhinderte jeglichen Kontakt mit der Aussenwelt. Das Land geriet beinahe in Vergessenheit.

Hoxha starb 1985 und hinterliess eine arme, verunsicherte und zutiefst misstrauische Bevölkerung sowie etwa 700 000 pilzförmigen Bunker, die er im ganzen Land zur Verteidigung gegen allfällige Invasoren errichten liess. Zum Erbe Hoxhas gehörte aber auch Positives: ein funktionierendes Gesundheits- und Bildungswesen – es gab im ganzen Land keine Analphabeten! – und öffentliche Verkehrsmittel, die kostenlos fuhren. Autos waren verboten – ausser jenen 500 Staatskarossen im Dienste der Politspitze. Der heutige «Ausgleich»: Wohl nicht einmal in Stuttgart ist die Mercedes-Dichte höher als in Albaniens Hauptstadt Tirana. Der Stern prägt das Strassenbild – neuestens sind aber auch die Initialen VW zu entdecken.

Sali Berisha, umstrittener Regierungschef Albaniens, ist seit 1992 daran, das Land auf demokratischen Kurs zu bringen. Doch das mittlerweile politisch mündige Volk hat längst bemerkt, dass wichtige Reformprozesse ausbleiben. Eine tolle Autobahn täuscht nicht darüber hinweg, dass das Volk noch immer darbt und unter Korruption zu leiden hat. Nicht vergessen hat man auch, dass Berisha einst der Leibarzt und enge Vertraute Hoxhas war.

 

Beni, der Gästeführer (l.), und Jürg Fahrni, der Chauffeur mit den Nerven aus Stahl.

Tirana - von hinten nach vorne: Baustelle, Kirche, Moschee und Nationalheld Skanderbeg.

In seiner Heimta Kruja ist Skanderbeg allgegenwertig.

Einer der 700'000 Bunker, die heute oft als Stall genutzt werden.

Die bezaubernde Klosteranlage Shen Meri.

Tolle Aussicht von der Burg Lekursi...

Antike Ruinen und kristallklares Wasser
Doch zurück zu den Busreisenden, die sich statt mit der aktuellen Lage zwischendurch auch gerne mit Historie befassen. Mit der Ruinenstadt Apollonia, einer dorischen Kolonie Korfus, beispielsweise. Oder der bezaubernd gelegenen Klosteranlage Shën Meri (Heilige Maria) und den beeindruckenden Ausgrabungen des antiken Butrint. Im Süden Albaniens sind auch die tollsten Strände zu finden, wie jene in der Gegend von Vlora und Saranda. Weil die Deutschen in Vlora eine Kläranlage gebaut haben und es kaum Industrie gibt, ist das Wasser sauber und kristallklar. Und das Städtchen Saranda erinnert mit seinem Flair an italienische Badeorte während der 1970er-Jahre. 300 Sonnentage pro Jahr, mediterranes Klima und Sand- bzw. Kiesstrände, die von Pinien natürlich beschattet sind, runden das Bild ab.

In solch lauschiger Umgebung schickt sich Jürg Fahrni an, seinen Gästen einen Apéro aufzutischen. Der Bauch des Cars gibt alles her, was es dazu braucht. Einen Tisch, Gläser, Sekt, Orangensaft, Salzstangen und Erdnüsse. Die Reise ist zwar noch nicht zu Ende, doch am nächsten Tag verlässt der Bus Albanien, um den Rückweg unter die Räder zunehmen. Auch Reiseleiter Beni verabschiedet sich, denn die nächsten Reisenden warten schon auf ihn. Auch diese werden ziemlich sicher zum Schluss kommen: Albanien ist ein Juwel, das man halt erst zum Glänzen bringen muss.


INFOS ZU ALBANIEN

Anreise
Mit dem Car von Eurobus/Knecht, mit dem eigenen Wagen oder beispielsweise mit Austrian Airlines über Wien nach Tirana.

Restaurants
King House, Rruga Dëshmorët e 4 Shkurtit 12, Tirana, Tel. +355 4 225 55 59, www.king-house.net (hier kann man sich durch zahlreiche albanische Gerichte essen, beispielsweise Byrek, eine Art Teigtaschen, Fërgesë Tirane, Auflauf mit Peperoni, Tomaten und Feta, und Baklava – Gebäck mit Nüssen und Honig.
Restaurant Apollonia im Rogner Hotel Europapark, Bulevardi Deshmoret e Kombit, Tirana, Tel. +355 4 223 50 35, www.hotel-europapark.com (Internationale und einheimische Küche in angenehmem Ambiente auf der Gartenterrasse).
Restaurant Cocja in der Vila Bekteshi, Rruga Hasan Riza Pasha 33, Shkodër, Tel. +355 66 666 35 58 (mediterrane Küche).

Übernachtung
Um Hotels muss sich der Busreisende nicht kümmern. Diese Hoteltipps richten sich an individuell Reisende.
Rogner Hotel Europapark, Bulevardi Deshmoret e Kombit, Tirana, Tel. +355 4 223 50 35, www.hotel-europapark.com: Sehr angenehmes, zentral gelegenes Hotel mit Garten und Pool; in diesem Haus unter österreichischer Leitung trifft sich Wirtschaft, Politik und Kultur.
Grand Europa Hotel, Sheshi 2 Prilli, Shkodër, Tel. +355 22 241 211, www.europagrandhotel.com: witziges Hotel im 4-Sterne-Bereich mit viel rotem Samt, Brokat und Gold.
Hotel Fieri, Rruga Jakov Xoxa, Fier, Tel. +355 342 22 39, www.hotelfieri.com: schön renoviertes, modernes Hotel.

Car-Reise
Eurobus bietet die Deluxe-Reise nach Albanien regelmässig an, manchmal ändert jedoch die Route. Der Bus ist angenehm 2+1 bestuhlt und bietet max. 33 Reisenden Platz. Infos bei Eurobus, Tel. 0848 000 212, www.eurobus.ch
 
Allgemeines
Der Tourismus in Albanien ist noch wenig entwickelt, denn es befindet sich immer noch auf dem Weg nach Europa und aus der Armut. Im Sommer dieses Jahres sollen Parlamentswahlen stattfinden. Viele Albaner hegen grosse Hoffnungen, dass mit dieser Wahl die Demokratie an Gewicht zulegt und in Zukunft Vetternwirtschaft, Korruption und Rechtsmissbrauch gemindert werden.
Das Land ist für Touristen sicher zu bereisen. Sie werden wohlwollend wahrgenommen, aber nicht belästigt. Wer schmuckbehangen herumläuft, erregt Aufsehen und riskiert hier wie in anderen Ländern auch, bestohlen zu werden.


Diese Reportage ist in leicht anderer Form im Reise-Extra des Migros-Magazins (April 2013) erschienen und wurde von Knecht/Eurobus unterstützt.


Nach oben

NEWSLETTER-ABO

Abonnieren Sie unseren Newsletter und verpassen Sie keine Reisereportage mehr.


>>> Zum Newsletter-Abo