Spiekeroog – Watt für ein Abenteuer!

Naturgesetze waren noch nie einfach – auch jene des Wattenmeers nicht. Eine vergnügliche und lehrreiche Tour durchs Watt.
Ostfriesland, Spiekeroog, Strand

Die schier endlose Weite an den Stränden von Spiekeroog wirkt befreiend, und die gute Luft ist eine Wohltat.

Publiziert am 04. August 2015

Seit 2009 zählt das Niedersächsische Wattenmeer zum UNESCO-Weltnaturerbe. Einen ansehnlichen Teil davon macht das ostfriesische Wattgebiet aus, das im Rhythmus der Gezeiten vom Meer überflutet wird und bei Ebbe trocken liegt. Dieses Wattenmeer zwischen der autofreien Insel Spiekeroog und dem Festland wollen wir sehen und bei Ebbe auch erwandern.

Doch erst mal müssen wir nach Spiekeroog kommen! Wer wie wir mit dem Auto anreist, lässt es am Festland in Neuharlingersiel stehen und nimmt dann die Fähre nach Spiekeroog. Vom Hafen geht es zu Fuss ins Hotel oder in die Ferienwohnung. Velos sind auf der Insel übrigens nicht – wie immer wieder behauptet wird – verboten, doch im Ortskern und auf dem Weg zum Strand darf man sie nur schieben. Der Idylle im Dorf ist das teilweise Fahrverbot sehr zuträglich. Zu Fuss kann man all die hübschen Häuschen und kleinen Vorgärten ohnehin besser geniessen.

Das älteste Haus (1703) ist das «Alte Inselhaus», das ein Restaurant beherbergt. Die Besonderheit an diesem Drifthaus ist das Schwimmdach. Wenn eine Sturmflut droht, können die Bewohner samt Tiere ins Dachgeschoss flüchten. Das Hochwasser löst die Lehmwände des Hauses auf und das schwimmende Dach treibt mit dem die Sturmflut auslösenden Nordwind Richtung Küste. Solche «Rettungsdächer» wurden bis ins 18. Jahrhundert hinein an der Nordseeküste gebaut, nur wenige sind übrig geblieben. Seit geraumer Zeit darf auf der Insel übrigens nur noch einstöckig gebaut werden. Ausnahmen bilden nun also ältere Gebäude sowie das Inselbad & Dünen-Spa, das bei Schlechtwetter eine gute Alternative in Sachen Badespass ist.

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Das Restaurant «Altes Inselhaus» ist im ältesten Haus der Insel untergebracht.

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Das alte Inselhaus hat noch ein sogenanntes Schwimmdach. Wie gut, dass noch kein Hochwasser schwer genug war, um das Dach vom Haus zu lösen.

WATT FÜR NATURMENSCHEN

Für Naturinteressierte lohnt sich der Besuch des etwas abgelegenen Nationalparkhauses, dessen Ausstellung über das Leben im Wattenmeer spannend informiert. Viel beeindruckender ist es jedoch, das Watt selber zu erkunden, beispielsweise mit Wattführer Carsten Heithecker. Wir werden von einem ehemaligen Fischkutter im Hafen abgeholt und mit einsetzender Ebbe zunächst in tieferes Gewässer gefahren. Was sich hier alles tummelt demonstriert Carsten mit Hilfe eines kleinen Schleppnetzes, das er kurze Zeit ins Wasser taucht. Verschiedene Krebse, Garnelen – hier nennt man sie Krabben –, Plattfische, Seenadeln und kleine Aale flutschen nun aus dem Netz in einen grossen Behälter mit Meerwasser. Von dort werden die Tiere einzeln in kleine durchsichtige Schalen verteilt, damit wir sie besser anschauen können.

Doch als die Seehundbänke auftauchen, ist das Kleingetier nur noch Nebensache! Der Kutter hält respektvollen Abstand, um die Seehunde nicht zu beunruhigen. Einige fühlen sich dennoch gestört und recken die Köpfe, damit sie die Eindringlinge begutachten können. Fotografen, die an dieser Tour teilnehmen, sei ein Teleobjektiv empfohlen. Wir hatten leider keins dabei...

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Natur- und Wattführer Carsten Heithecker erklärt die Tiere, die er gefangen hat.

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Ein Krebs ist ins Netz gegangen – und wird nachher natürlich wieder freigelassen.

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Die Robbenbänke sind eine Attraktion in der Ferne. Aus Respekt vor den Seehunden hält der Kutter Abstand.

RICHTIGES SCHUHWERK IST DAS A UND O

Schon nach kurzer Zeit verlässt der Kutter die Seehunde und nimmt wieder Kurs Richtung Insel. An einer Muschelbank am Rand des Watts hält der Kapitän und entlässt die Passagiere über eine Leiter an «Land». Wer jetzt nicht das richtige Schuhwerk an den Füssen hat, muss auf dem Schiff bleiben. Wattführer Carsten kennt kein Pardon und lässt niemanden mit sogenannten Strandsocken, Gummistiefeln oder mit nicht schnürbaren Schuhen an Land. Da bleibt er hart, denn er kennt die Tücken.

Austern, Mies- und andere Muscheln mit ihren scharfkantigen Schalen – manche stecken senkrecht im Schlick! – sind eine Verletzungsgefahr. Und das ist nur das eine Problem. Das andere: Streckenweise ist der Schlick so nachgiebig und tief, dass man bis weit über die Knöchel einsinkt. Wer jetzt keine Schuhe trägt, die am Fuss richtig festgeschnürt sind, ist sie los... Und barfuss geht gar nicht! Sandalen mit Klettverschluss halten zwar am Fuss, doch weil sie offen sind, kann man sich an den Muscheln dennoch verletzen. Bewährt haben sich preisgünstige hohe Converse Schuhe, also Turnschuhe aus Segeltuch. Durch die hohe Schnürung halten sie einwandfrei und nach der Tour kann man sie einfach in die Waschmaschine stecken – wobei Weiss aber nie wieder weiss wird und man sich über die vielen Schnitte in der dicken Gummisohle wundern wird...

WATTWÜRMER FRESSEN SAND

Ist die schlimmste Schlickstrecke einmal überwunden, erklärt Carsten, wie es überhaupt dazu kommt, dass hier Miesmuscheln und Austern leben. Etwas später – der Boden ist nun nicht mehr ganz so nachgiebig – sticht der Wattführer seine vierzinkige Gartengabel in den Sand, um Wattwürmer zutage zu fördern. Wie die Muscheln sind auch sie die reinsten Filteranlagen. Sie fressen den Sand und filtern die organischen Stoffe heraus, die sie dann verwerten. Übrig bleiben spaghettiförmige Sandhäufchen, die den Ausgang der Wohnröhre kennzeichnen. Ein einziger Wattwurm filtert pro Jahr 25 Kilogramm Sand. Ich versuche mir vorzustellen: Auf einem Quadratmeter leben etwa 40 Wattwürmer, und alle zusammen filtern den gesamten Sand des Wattes bis auf 20 Zentimeter Tiefe! Wahnsinn!

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Über eine Leiter werden die Wattwanderer auf einer Muschelbank abgesetzt. Ab jetzt ist man zu Fuss unterwegs zurück zum Hafen. Und man muss schneller sein als die Flut das Wasser zurückbringt.

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Converse-Schuhe halten im Matsch am besten, aber sie werden wohl nie wieder ganz sauber werden.

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Gegen Ende der Tour wird das Watt so richtig glitschig. Wer nicht vorsichtig geht, landet im Schlick.

Wo sich so ein Spaghettisandhaufen auftürmt, sind jedoch die Fressfeinde wie Austernfischer und andere Vogelarten nicht weit. Sie stochern mit ihren Schnäbeln in den Haufen und versuchen den Wurm aus der Röhre herauszuziehen. Wenn das zu gelingen scheint, stösst der Wattwurm einen Teil seines Hinterteils ab. So verhindert er, dass er ganz gefressen wird. Das Hinterteil des aus vielen Körpersegmenten bestehenden Wurmes «wächst nach», indem sich eines der Segmente einfach ausdehnt und den Wurm wieder auf seine ursprüngliche Länge bringt. «Das ist doch praktisch», findet Carsten, «so haben die Vögel zu fressen und der Wurm lebt weiter.» Angeblich soll ein Wattwurm diese Prozedur 50 Mal überstehen können!

ZUM SCHLUSS NOCH ETWAS SCHMIERSEIFE

An einem anderen Ort im Watt bleibt Carsten stehen, lockert die oberste Sandschicht mit den Fingern etwas auf und fördert eine Herzmuschel nach der anderen zu Tage. Dicht an dicht liegen sie im Sand, bis zu 250 pro Quadratmeter! Im Watt wandert man buchstäblich auf Lebewesen – und es scheint ihnen nicht zu schaden. Das letzte Wegstück zurück zum Hafen ist etwas weniger besiedelt und zeichnet sich vor allem durch seine schmierseifenartige Beschaffenheit aus. Zwar sinkt man nicht mehr ein, dafür muss jeder Schritt mit Bedacht getan werden.

Eine solche Wanderung kann unter Umständen ziemlich anstrengend sein – erst recht, wenn man den Weg mit einem grossen Schnitt im Zeh zu Ende bringen muss, wie es einem Teenager passiert ist. Kommt hinzu, dass man unbedingt schneller gehen muss, als die Flut das Wasser zurück bringt. Wieder im Dörfchen Spiekeroog wird der junge Mann seine Zehe erst mal richtig verarzten lassen müssen, während sich die anderen Wattwanderer eine Erfrischung gönnen – zuerst unter der Dusche und dann in Form eines Drinks in einem der gemütlichen Beizchen. Ein Prost auf die Natur – und das überstandene Watt-Abenteuer!

Ostfriesland, Spiekeroog, Fisch, Bratkartoffeln, Salat, Restaurant Capitäns Haus

Im Capitäns Haus haben wir hervorragend getafelt. Frischer Fisch, Bratkartoffeln und Salat... Lecker!

Ostfriesland, Spiekeroog, Hotel Inselfriede

Das Hotel Inselfriede liegt am Rand des Dorfes. Dennoch ist man in einer Minute mitten drin. Ein sehr angenehmes Haus.

Ostfriesland, Spiekeroog, Luftaufnahme

So sieht Spiekeroog von oben aus. Mehr über das Eiland zwischen Meer und Watt erfährt man in der Inselinfo beim Nordseebad.

 

INFOS ZU SPIEKEROOG


ANREISE
Per Flug nach Bremen oder Hamburg, ab dort mit dem Zug oder einem Mietwagen. Wer mit dem Mietwagen reist muss insbesondere während der Hochsaison mit Staus auf den Autobahnen rechnen – und diese bei der Rückreise unbedingt einkalkulieren. Es könnte sonst am Flughafen knapp werden. Und wer keine Zeit mehr zum Tanken hat, wird das teuer berappen müssen. Ich rede da aus leidiger Erfahrung... Ebenfalls wichtig: Die tideabhängigen Rückreisezeiten der Fähren muss man unbedingt bereits bei der Flugbuchung kennen!

FÄHRE NACH SPIEKEROOG
Da die Gezeiten für einen sich täglich ändernden, aber im voraus berechenbaren Fahrplan sorgen, lädt man sich am besten den aktuellen Jahresfahrplan aus dem Internet herunter.
Das Ticket hin und zurück kostet knappe 30 Euro pro erwachsene Person (kann online vorausgebucht werden). Für 4 Euro je Gepäckstück kann man sich am Hafen von Neuharlingersiel Banderolen kaufen, sie mit dem Hotelnamen beschriftet am Gepäck befestigen und dieses in den bereitgestellten Containern unterbringen. Das Gepäck wird so von Neuharlingersiel direkt ins Hotel bzw. die Ferienwohnung auf Spiekeroog transportiert. Wer das Gepäck selber transportieren will, muss es dennoch in einen der Container legen und im Hafen Spiekeroog wieder herausholen. Tipp: Containernummer merken, dann gibt es nach dem Ausladen keine Sucherei!

BESTE REISEZEIT
Ostfriesland ist ganzjährig reizvoll, auch Wattwanderungen sind das ganze Jahr über möglich. Es kann auch nicht schaden, sich einen Gezeitenkalender (Infos und aktueller Tidekalender) zu besorgen, denn Schwimmen geht nur bei Flut.   

UNTERKUNFT
Hotel Inselfriede

Süderloog 12
D-26474 Spiekeroog
Tel. +49 4976 91920
www.inselfriede.de
Das Vier-Sterne-Hotel, das aus mehreren Gebäuden besteht, verfügt über Zimmer, Appartement- und Ferienhäuser. Die Zimmer haben alle ihren eigenen Stil, von klassisch modern bis friesisch, sind geräumig und bieten zeitgemässen Komfort. Das Hotel ist ruhig, etwas am Rand des Dorfs gelegen. In zwei Minuten ist man aber mittendrin, und zum Hafen ist es auch nicht allzu weit. Im abgelegenen Garten stehen gemütliche Strandkörbe. Hier kann man auch einen Drink geniessen oder ein Nickerchen halten. Uns hat es im Inselfriede sehr gut gefallen.

RESTAURANTS
Capitäns Haus

Norderloog 11
D-26474 Spiekeroog
Tel. +49 4976 990 016
capitaenshaus-spiekeroog.de

Spiekerooger Teestube
Noorderpad 1
D-26474 Spiekeroog
Tel. +49 4976 204

ADRESSEN
InselBad & DünenSpa

Noorderpad 20
D-26474 Spiekeroog
Tel. +49 4976 919 31 61
www.spiekeroog.de/spiekeroog-erleben/inselbad-duenenspa.html

Nationalpark-Haus Wittbülten
Hellerpad 2
D-26474 Spiekeroog
Tel. +49 4976 910 050
www.nationalparkhaus-wittbuelten.de

WATTWANDERUNG SPIEKEROOG
Nationalpark-Wattführer Carsten Heithecker
Lütt Slurpad 8
D-26474 Spiekeroog
Tel. +49 4976 912 070
www.watt-erleben.de

ALLGEMEINE INFORMATIONEN
www.spiekeroog.de
www.ostfriesland.de
www.germany.travel


© Text & Fotos: Inge & Heinz Jucker | Travel-Experience.ch

Diese Reportage wurde von der Deutschen Zentrale für Tourismus und vom Tourismusbüro Spiekeroog unterstützt.


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