Hohenloher Land: Klassiker auf vier Rädern

Mit Statussymbol und Lifestyle retrospektiv durchs Hohenloher Land. Eine kleine Oldtimer- und Genussreise.
Oldtimer, Mercedes SL 190

«Unser» Mercedes 190 SL vor dem Jagdschloss, das zum Wald- & Schlosshotel Friedrichsruhe gehört.

Publiziert am 19. März 2019

Beim Einsteigen umfängt einen schon der typische Oldtimer-Duft: Benzin, Öl und Leder... Und dann muss man es erst einmal bestaunen, das Mercedes-Cabriolet 190 SL, Jahrgang 1961. Zu der Zeit, als dieser Wagen aus der Fabrik rollte, wurde John F. Kennedy als neuer amerikanischer Präsident vereidigt, die britische Wochenzeitung The Sunday Telegraph gegründet, lieferte das erste Kernkraftwerk Deutschlands Strom und der Bau der Berliner Mauer begann... Die Mauer gibt es glücklicherweise nicht mehr – aber dieses Mercedes-Cabrio hat die Jahrzehnte gut überstanden! Es ist nach wie vor ein Bijou. Die runden Formen, Chrom und das Cremeweiss in Kombination mit Rot – der Wagen strahlt eine Eleganz aus, die schon manchen Autoliebhaber ins Schwärmen brachte.


Der erste Mercedes 190 SL wurde 1955 am Genfer Automobilsalon gezeigt und fand rasch begeisterte Käufer. Der Anblick des Klassikers lässt bei Cineasten sogleich Filmbilder aufsteigen: Grace Kelly und Frank Sinatra fuhren den Wagen in «High Society», einem Filmmusical aus dem Jahre 1956. Und 1959 erlebte der 190 SL im Film «Happy Anniversary» zusammen mit David Niven und Mitzi Gaynor ein tolles «product placement». Viele Film- und andere Stars waren vom bequemen Reisewagen äusserst angetan, darunter Gina Lollobrigida, Cary Grant, Alfred Hitchcock, Zsa Zsa Gabor, Ski-Legende «Blitz aus Kitz» Toni Sailer und auch Ringo Starr, der Schlagzeuger der Beatles, der 15 Jahre lang einen 190 SL fuhr.

VERRUCHT UND DOCH BELIEBT

Nur eine prominente 190-SL-Besitzerin hätte der Autohersteller aus Imagegründen wohl lieber verheimlicht: Rosemarie Nitribitt, die Frankfurter Edelprostituierte, die 1957 auf ungeklärte Weise ermordet wurde. Der bis heute ungeklärte Fall füllte die Klatschblätter, regte zu Spekulationen an und sorgte für einen Roman und zwei Filme. Ein schwarzer Mercedes 190 SL mit roten Ledersitzen war Nitribitts Markenzeichen. Der Skandal und Sex-and-Crime-Faktor konnten der Beliebtheit des Wagens allerdings nichts anhaben. Im Gegenteil: das sorgte für noch mehr Aufmerksamkeit.

Diese erfahren auch wir während unseres Oldtimer-Weekends in der Umgebung von Stuttgart. Von der Retro Promotion Event-Garage in Gäufelden leihen wir uns den Mercedes. Weitere Fans alter Wagen wählen Porsche, BMW und Fiat – insgesamt stehen etwa 50 Fahrzeuge zur Verfügung. Nach der Einweisung, einer ersten Instruktion zum Betrieb des Oldtimers und mit einer Streckenbeschreibung ausgerüstet, geht die Fahrt zusammen mit sechs anderen Kultautos durch das Hohenloher Land los.

AUTOFAHREN WIRD WIEDER ZUM ABENTEUER

Wissen Sie noch, was ein Choke ist? Wie lange ist es doch her, dass man den Choke gezogen hat!! Uns bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken, ausser: Nur ja nicht vergessen, den Choke nach ein paar Minuten zurückzuschieben... Dass heutige Autos über Bremshilfen und Servo-Lenkung verfügen, nehmen wir plötzlich wohlwollend wahr, denn das Steuern unseres Mercedes’ entpuppt sich auf die Dauer dann doch als anstrengend. Der Blinker wird über den Ring bedient, der im Steuerrad platziert ist. Etwas gewöhnungsbedürftig. Immerhin geht aber das Schalten der Gänge ohne Zwischengas, die Sitze fühlen sich wie Fauteuils an und die Heizung funktioniert einwandfrei. An einem kühlen Tag ist das sehr angenehm. Ausserdem sollte man nicht nach Gehör fahren – Lärmdämmung war früher kein Thema –, sondern den Tourenzähler im Auge behalten. Nach ein paar hundert Metern haben wir uns mit dem ungewohnten Fahrgefühl arrangiert und die Konzentriertheit macht der Freude Platz. Das Gefühl, mit diesem aufsehenerregenden Fahrzeug unterwegs zu sein, ist kaum zu beschreiben. Wäre es der eigene Wagen, wir würden wohl vor Stolz platzen... Es kommen aber auch Erinnerungen an eine Zeit auf, da eine Autofahrt noch abenteuerlich war: Nie wusste man, ob man überhaupt und pannenfrei ans Ziel kommt...

Oldtimer, Mercedes SL 190

Innenansicht «unseres» Merceds 190 SL. Wie man sieht, herrschte kein Cabrio-Wetter...

Oldtimer, Motoren Museum

Oldies im Motoren-Museum...

Oldtimer, Motoren Museum

... bis zum Abwinken.

Waldenburg Deutschland

Kurzbesichtigung von Waldenburg...

Schwäbisch Hall Deutschland

und Schwäbisch Hall. Dort ist die Kunsthalle zu empfehlen...

Sudhaus

und das Restaurant Sudhaus.

 

MOTOREN, LUST UND LEIDENSCHAFT

Eigentlich haben wir vermutet, dass die Menschen, die in der Region der Heimat von Mercedes-Benz leben, sich den Anblick alter Wagen wie «unseren» 190 SL gewöhnt sind. Aber da und dort bleiben die Passanten dennoch stehen und schauen der kleinen Sammlung auf Rädern nach, die auf dem Weg nach Öhringen zum «Motor-Museum» ist. Der Name untertreibt ein wenig, denn wer hätte schon Lust, sich Motoren ohne Chassis anzuschauen? Natürlich handelt es sich um ein Auto- und Motorrad-Museum, zu dem auch ein Glas-Museum gehört.

Wer das Glück hat, vom Besitzer Paul Heyd durch das Museum geführt zu werden, bekommt viele Histörchen und Anekdoten zu hören. Zu jedem der Sport- und Tourenwagen aus der Zeit von 1948 bis 1960 und der Motorräder aus den 1940er- bis 1970er-Jahren weiss der Sammler etwas zu erzählen. Die Sammelleidenschaft hört jedoch nicht bei den Motoren auf. Alte Emaille-Schilder, Musikboxen, Mode, Fotoapparate und seit neuestem auch Glaskunst, faszinieren Paul Heyd genauso. Und weil er die nostalgischen Fundstücke nicht alleine geniessen will, ist alles in seinem Museum ausgestellt. Mit drei Euro Eintritt ist man dabei.

OLDTIMER DER ANDEREN ART

Ebenfalls ein Oldtimer ist die Stadt Schwäbisch Hall, die auf das frühe Mittelalter zurück geht. Die Altstadt mit ihren historischen Gebäuden und Fachwerkhäusern ist einen Bummel wert. Für Kunstinteressierte drängt sich der Besuch der Kunsthalle Würth auf. Das moderne Gebäude ist clever in die Altstadt integriert. Gezeigt werden Wechselausstellungen, die zur Hauptsache aus den Beständen des Sammlers und namengebenden Unternehmers Reinhold Würth stammen. Auch die Johanniterkirche wurde durch die Würth-Gruppe renoviert und mit einem Erweiterungsbau versehen. In der Johanniterhalle sind die «Alten Meister» aus der Würth-Sammlung zu sehen, darunter das wertvollste Stück, die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen, auch als Darmstädter Madonna bekannt, von Hans Holbein dem Jüngeren.

Wer nun mit seinem Oldtimer auch noch stilecht übernachten will, dem sei das herrliche Wald & Schlosshotel Friedrichsruhe in Zweiflingen empfohlen (siehe untenstehenden Querverweis "Verwandte Travel-Experience-Beiträge").


ALLGEMEINE INFOS UND ADRESSEN

Retro Promotion GmbH, Renningen, www.retropromotion.de: Etwa 50 Oldtimer und Klassiker stehen für geführte Touren bereit. Besonders interessant sind die Oldtimer-Weekends, die zusammen mit dem Wald & Schlosshotel Friedrichsruhe in Zweiflingen angeboten werden. 

Motoren-Museum, Öhringen: www.motormuseum-oehringen.de

Restaurant Sudhaus, Schwäbisch Hall, www.sudhaus-sha.de: Wir haben mittags dort gegessen. Wäre das Wetter besser gewesen, hätten wir oben auf dem Dach tafeln können... Das im Haus gebraute Sudhaus-Bier spielt natürlich eine grosse Rolle – auch in der Küche, wo ohne Chemie, Geschmacksverstärker und Fertigprodukte gekocht wird. Chapeau! Und lecker war’s!

Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall, kunst.wuerth.com: Die Kunstsammlung von Reinhold Würth umfasst heute rund 16 000 Werke bedeutender Künstler seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.


© Text: Inge Jucker; Fotos: Heinz Jucker | Travel-Experience.ch


Der Wagen wurde uns von Retro Promotion GmbH zur Verfügung gestellt.


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