Eichstätt – seine Bierkrugdeckel und Bündner

Eine deutsche Stadt aus Schweizer Hand – wer hätte das gedacht?! Misoxer Baumeister und der Zinngiesser von Eichstätt stehen im Zentrum dieser Reportage.
Eichstätt, Barockstadt, Residenzplatz

Der Residenzplatz mit den prächtigen Barockfassaden.

Publiziert am 23. April 2014

Gästeführerin Elisabeth Graf erwartet mich bereits. Sie ist Schweizerin, aber schon seit vielen Jahren in Eichstätt mit dem Deutschen Bildhauer Wieland Graf verheiratet. Sie hat Schweizerdeutsch nicht verlernt, und mir scheint, sie freut sich diebisch, wenn sie Schweizer Gäste damit verblüffen kann, dass das heutige Aussehen der Altstadt von Eichstätt gleich mehreren Schweizern zu verdanken ist. Architekturstudenten erfahren das bestimmt irgendwann, doch für mich war das neu und vor allem spannend. Und das sage ausgerechnet ich, die sich mit Kunstgeschichte während der Mittelschule schrecklich schwer getan hat!


ZINN VOM HANDWERKER
Doch bevor wir auf den Architektur-Rundgang gehen, führt mich Elisabeth Graf zum Zinngiesser Eisenhart am Marktplatz, wo ich aus dem Staunen gar nicht mehr herauskomme. Aber ehrlich gesagt: Ich habe mir natürlich auch nie Gedanken darüber gemacht, wie so ein Zinnkrug richtig gegossen oder ein Bierkrugdeckel befestigt wird.

Seit 1804 und heute in sechster Generation wird hier also Zinn gegossen, und Wilhelm Eisenhart erzählt den Besuchern, dass früher nur privilegierte Bürger und Klöster im Besitz von Zinngeschirr waren, dass der Beruf am Aussterben sei und man das Handwerk dennoch nicht bei ihm erlernen kann. Grund dafür ist, dass sich die Eisenharts seit längerem auf Bierkrugdeckel spezialisiert haben. Eine gute Ausbildung muss jedoch breiter, umfassender sein, damit man auch das Zusammensetzen und Restaurieren beherrscht. Allerdings gibt es keine Meister (mehr), und der Beruf darf auch ohne offizielle Ausbildung ausgeübt werden. Eisenhart erwähnt Nürnberg, das früher die Hochburg der Zinngiesserei war, und heute nur noch einen Zinngiesser hat...

Wie ein Bierkrugdeckel aus Zinn an einem Bierkrug aus Steinzeug befestigt wird, demonstriert Wilhelms Vater, Heinz Eisenhart, eindrücklich. Er hat auch im fortgeschrittenen Alter noch eine äusserst ruhige Hand. Ein wichtiges Detail, denn an heissem Zinn kann man sich heftig verbrennen. Heute besteht das verarbeitete Material aus 95% Zinn, 3% Antimon und 2 % Kupfer, womit bleifrei und lebensmittelecht ist. Nachdem ich Einblick in dieses Handwerk bekommen habe, macht es mich an, einen Zinnbecher zu erstehen, denn ein kühler Weisswein aus einem zinnernen Becher soll frischer schmecken als aus einem Glas getrunken. Aber ich verschiebe das Geschäft auf später, denn jetzt geht es auf Stadtrundgang.

Eichstätt, Barockstadt, Zinngiesserei Eisenhart

Ob alt oder neu, in der Zinngiesserei bekommen die Bierkrüge Deckel.

Eichstätt, Barockstadt, Zinngiesserei Eisenhart

Heinz Eisenhart beim Befestigen eines Deckels.

ZIERGIEBEL UND ECKERKER
Dass einige Namen der Schweizer Baumeister eingedeutscht wurden, finde ich interessant. Heutzutage würde man sich mit einem melodiös-schwungvoll klingenden italienischen Namen vermutlich besser etablieren... Man achte also im Folgenden auf die Namen in Klammern. Der Misoxer Hans Alberthal (Giovanni II. Albertalli) war einer der aktivsten Baumeister in Süddeutschland und hinterliess auch in Eichstätt, allerdings vor dem Dreissigjährigen Krieg, seine Spuren. Ihm wird unter anderem die Schutzengelkirche sowie der Gemmingenbau der Willibaldsburg zugeschrieben.

Während des Dreissigjährigen Krieges wurde Eichstätt 1634 von den Schweden zum grossen Teil niedergebrannt – nur der Dom blieb verschont. Etwa ab 1660 war es dann der Schweizer Jakob Engel (Giacomo Angelini), der als «hochfürstlicher Schanz- und Mauerermeister» die dringlichsten Aufgaben des Wiederaufbaus in Angriff nahm. Er stammte ebenfalls aus dem Misox, das übrigens viele erfolgreiche Baumeister hervorbrachte (während die Tessiner begabte Stuckateure waren). In Anlehnung an Alberthal entwickelte Engel einen für Eichstätt typischen Baustil: Gebänderte Sockelgeschosse, welche die Waagrechte betonen, und in den beiden Obergeschossen jeweils über den Fenstern sich abwechselnde Dreiecks- und Segmentgiebel (letzterer ist ein halbkreisförmiger Ziergiebel). Eckerker zählen ebenfalls zu den Spezialitäten Engels, die von seinen Nachfolgern in abgewandelter Form übernommen wurden.

Was sich hier vielleicht trocken liest, entdecke ich zusammen mit Elisabeth Graf anhand von anschaulichen Beispielen wie dem Gasthaus Krone, dem West- und dem Ostflügel der Residenz sowie Engels einzigem Sakralbau in Eichstätt, der Heilig-Geist-Spitalkirche. Ihr Turm erinnert an Alberthals Spezialität, den viereckigen Kirchturm mit achteckigem Glockengeschoss, Kuppeldach und offener Laterne.

Eichstätt, Barockstadt, Residenz

Der Spielgelsaal in der Residenz ist auf jeden Fall eine Führung wert.

Eichstätt, Barockstadt, Schutzengelkirche, Engel

Die Schutzengelkirche wurde von Jakob Engel realisiert.


«AUF ENGEL GEBAUT»
Engel hinterliess jedenfalls ein Stadtbild, an das sich nachfolgende Architekten zu halten hatten. So sein Misoxer Kollege Gabriele di Gabrieli, der einerseits vollendete, was Engel angefangen hatte und andererseits eigene Werke schuf. Auf Gabrielis’ Konto gehen über 30 Gebäude. Zu seinen Architekturmerkmalen zählen der «Syrische Bogen», Fassaden mit (die Senkrechte betonenden) Kolossalpilastern und ovale sowie runde Fenster und Öffnungen.

Um auch noch Gabrielis Nachfolger erwähnt zu haben: der langjährige Mitarbeiter Giovanni Domenico Barbieri aus Roveredo trat das künstlerische Erbe an, und der letzte Bündner Baumeister, der in Eichstätt tätig war, hiess Domenico Salle (Domenico Maria Sala).

Tja, wer hätte gedacht, dass so viele Bündner eine so schöne Barockstadt erbaut haben?! Eigentlich waren ja sie die grossen Barockmeister – und weniger die stets gepriesenen deutschen Zimmermann, Fischer, Neumann und Co. Das musste jetzt doch noch gesagt sein ;-)

Eichstätt, Barockstadt, Willibaldsburg

Aussicht von der Willibaldsburg auf Eichstätt.

Eichstätt, Barockstadt, Hotel Adler

Das Hotel Adler von aussen barock, aber innen schön renoviert und komfortabel.

INFOS ZU EICHSTÄTT


ANREISE
Mit der Bahn in über sechs Stunden (ab Zürich gerechnet) und mindestens zweimal Umsteigen. Schneller geht es mit dem Auto in vier Stunden.

UNTERKUNFT
Hotel Adler, Marktplatz 22, 85072 Eichstätt
Tel. +49 8421 6767, www.adler-eichstaett.de
Das 3-Sterne-Haus mit historischem Flair liegt ideal mitten in der Altstadt. Im Inneren bietet das 300 Jahre alte Barockgebäude alle Annehmlichkeiten. Altes ist gekonnt mit Modernem kombiniert.

RESTAURANT
Domherrnhof,
Domplatz 5, 85072 Eichstätt
Tel. +49 8421 6126, www.domhernnhof.de
Siehe separaten Beitrag!

SEHENSWÜRDIGKEITEN
Zinngiesserei Eisenhart, Marktplatz 16, 85072 Eichstätt
Tel. +49 8421 2571, www.eichstaett.de/freizeit/a-z/handwerk_erleben-zinngiesserei-2078/
Willibaldsburg und das dort untergebrachte Jura-Museum Eichstätt, www.jura-museum.de: Hier werden Fossilien der Region gezeigt, vom Fischsaurier über Korallenfische und Krebse bis zu den Flugsauriern.
Schutzengelkirche am Leonrodplatz: allein der Hochaltar ist mit etwa 70 Engeln geschmückt.
Fürstbischöfliche Residenz: sie ist von Montag bis Freitag für Besucher geöffnet; der Spiegelsaal, im Rokokostil prachtvoll ausgestaltet, kann allerdings nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden.

INTERNETTIPP
Wikipedia listet HIER alle Baudenkmäler von Eichstätt auf.

BUCHTIPPS
Wer sich für die Bündner Baumeister– auch in Eichstätt – interessiert dem lege ich das bebilderte Buch «Baumeister aus Graubünden – Wegbereiter des Barock» von Max Pfister ans Herz (Verlag Bündner Monatsblatt). Ich war von der Geschichte Eichstätts so fasziniert, dass ich mehr wissen wollte.

«13 Tage. Das Leben des Giovanni Domenico Barbieri» von Elisabeth Schinagl. Sie ist Eichstätter Gymnasiallehrerin und Bildungsreferentin und erzählt in ihrem vierten Buch von den letzten 13 Tagen des Eichstätter Barock-Baumeisters, der 1764 in Eichstätt gestorben ist. Ein interessanter und bildhafter Ausflug in die Zeit vor 250 Jahren, in das karge Leben der Baumeister, die oft hungern mussten...
Im Shop von Books on Demand als eBook oder Print erhältlich.

STADTFÜHRUNG
Elisabeth Graf, www.altmuehltal-fuehrungen.de

ALLGEMEINE INFOS
www.eichstaett.de

 

© Text & Fotos: Inge Jucker | Travel-Experience.ch

 

Dies ist Teil 1 meiner Reise durch Franken, welche vom Tourismusverband Franken und von RailTour unterstützt wurde.


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